Satelliten-Aufnahme des Renaissance-Damms am Blauen Nil | Bildquelle: AP

Äthiopiens Mega-Staudamm Der Kampf um das Nil-Wasser

Stand: 27.06.2020 13:50 Uhr

Äthiopien will in den nächsten zwei Wochen die Talsperre seines Staudamms am Blauen Nil fluten. Die Regionalnachbarn Ägypten und Sudan sehen durch das Projekt ihre nationale Sicherheit bedroht.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Eigentlich fiel schon in der vergangenen Nacht ein Signal der Entspannung: Äthiopien versprach, den Stausee seines Renaissance-Damms am Blauen Nil erst dann zu fluten, wenn es sich mit Ägypten und dem Sudan über alle offenen Fragen geeinigt hat. In zwei bis drei Wochen, sagte der äthiopische Wasserminister, sollen die Verhandlungen abgeschlossen sein. Doch nun betonte Ministerpräsident Abiy Ahmed in einer Erklärung, sein Land plane, mit dem Füllen des Stausees innerhalb der kommenden zwei Wochen zu beginnen. Die restlichen Arbeiten sollen währenddessen weitergehen.

Damit könnte ein Konflikt in Nordostafrika wieder Schärfe gewinnen, der in den vergangenen Wochen zumindest in der regionalen Presse aggressiv ausgefochten wurden. "Ist Krieg zwischen Ägypten und Äthiopien eine Option?" fragte kürzlich die ägyptische Tageszeitung "Al-Masry Al-Youm" und verglich dann in einem Artikel die Schlagkraft der Armeen beider Länder.

"Wir wollen es lösen. Aber wenn die Lösung nicht klappt, werden wir auf die 'bittere Lösung' zurückgreifen! Wir versuchen, es zu regeln, aber wenn nicht, sind wir bereit zu kämpfen, was die bittere Lösung wäre, die wir nie wollten!", sagte der bekannte Talkmaster Amr Adib vor wenigen Tagen im Sender MBC Masr. Ägypten hätte nie Streit gesucht oder einen Krieg. Doch wenn die Situation danach verlangte, werde Ägypten bereit sein - und Ägypten sei bereit.

30 Tage lang warten

Die Versorgung mit Trinkwasser ist für das Land eine Frage der nationalen Sicherheit. Schon lange leidet Ägypten an Wasserarmut. Wenn die Bauern im Dorf Baharmis ihre Pumpe anwerfen, sprudelt es reichlich. Doch das täuscht. Der Nil gibt längst nicht mehr genug her.

"Wir hatten früher jeden Tag Wasser, für jeden, der bewässern wollte. Aber jetzt bewässern wir in Rotation. Alle warten, bis der andere bewässert hat, und da gibt es dann Streit, wer als erster bewässert", erzählte der Bauer Ahmed Said. Manche würden 20 oder 30 Tage lang warten. Jeder wolle seine Nutzpflanzen bewässern, damit sie nicht eingehen, das würde Verluste bringen.

Streit um äthiopisches Staudamm-Projekt: Sorge um Wassermangel in Ägypten
tagesschau 20:00 Uhr, 27.06.2020, Daniel Hechler, ARD Kairo

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Äthiopien will zum Stromexporteur aufsteigen

Vor neun Jahren begann Äthiopien mit dem Bau seines Renaissance-Damms, dem größten Projekt seiner Art in Afrika, Baukosten: vier Milliarden US-Dollar. Den Damm haben die Äthiopier fast fertig. Im Juli wollten sie das Wasser des Blauen Nils, eines wichtigen Zuflusses zum Hauptstrom, für die Stromerzeugung aufstauen. Schon Ende des Jahres will das Land erstmals Strom erzeugen. Äthiopien braucht dringend Elektrizität und dürfte dank des Damms zum größten Stromexporteur in Afrika aufsteigen.

Satelliten-Aufnahme des Renaissance-Damms am Blauen Nil | Bildquelle: AP
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Mit 74 Milliarden Kubikmetern aufgestauten Wassers wäre die "Grand Ethiopian Renaissance"-Talsperre die größte Afrikas.

"Die direkten Folgen für Ägypten durch den Bau des Damms werden enorm sein. Dazu zählen, dass Agrargebiete unnutzbar werden, der Grundwasserspiegel sinkt, das Trinkwasser beeinträchtigt wird und das Meerwasser in das Nildelta eindringt und es versalzt", sagte der ehemalige ägyptische Wasserminister Mohammed Nasser Allam.

Ägypten habe bereits große Landwirtschaftsvorhaben wegen Wasserknappheit eingestellt, wie den Bau der Kanäle Tuschka, El Salam und El Hammam. Bei diesen Projekten hätte der Staat zuvor viel Geld in die Infrastruktur investiert.

Wasser für 98 Millionen Menschen

Ägyptens Not ist groß. Seit Ende der 1950-Jahre fließen jedes Jahr etwa 55 Milliarden Kubikmeter Wasser in den Nasser-See. Damals lebten 24 Millionen Menschen im Land, heute mehr als vier Mal so viele. Aber die Wassermenge ist die gleiche geblieben.

Vor wenigen Tagen legte Ägypten die Angelegenheit dem UN-Sicherheitsrat vor. "Als wir das taten, geschah dies, weil wir immer darauf bedacht sind, den diplomatischen und politischen Weg bis zu seinem Ende zu gehen", sagte Präsident Abdel Fattah al-Sisi in einer öffentlichen Ansprache.

Karte: Anrainerstaaten des Nil
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Der Nil durchzieht auf 6000 Kilometer Länge zehn Länder. Aus ihm spiest sich fast die ganze Wasser- und Stromversorgung.

Dass Sisi seine Rede auf einem Militärstützpunkt hielt, entging niemandem. Kriegerisch klang der Präsident dennoch nicht. Stattdessen sagte er, er respektiere den Wunsch der Äthiopier, ihr Land zu entwickeln. Gleichzeitig müssten sie jedoch verstehen, dass es für Ägypten um nichts Geringeres gehe als ums Überleben. "Wir müssen unsere Fähigkeit zeigen, als mündige Staaten mit unserer Krise umzugehen und eine Lösung zu finden, die im Interesse aller ist", sagte der Präsident.

Sudan steht auf Seiten der Ägypter

Im Januar hatten Ägypten, Äthiopien und der Sudan einen Kompromiss ausgehandelt, unter Vermittlung der USA. Er sah unter anderem vor, dass der Stausee nur während der Regenzeit gefüllt wird, also in den Monaten Juli und August und eventuell noch im September. Doch nur Ägypten hat das Papier bisher gebilligt. Äthiopien machte einen Rückzieher und gab an, mehr Zeit für interne Beratungen zu brauchen.

Der Sudan ist an dem billigen Strom, den der Damm generieren soll, eigentlich interessiert. Und eine Regulierung des Flusswassers durch das Bauwerk könnte für die sudanesische Landwirtschaft hilfreich sein. Doch jetzt sieht sich der Sudan eher an der Seite Ägyptens. Beide Länder lehnen ein Aufstauen des Sees ohne Vertrag ab. Aus sudanesischer Sicht sind nicht alle Sicherheitsfragen geklärt. Und die Ägypter möchten einen internationalen Mediationsmechanismus festschreiben, der im Falle von Konflikten in Gang gesetzt werden kann.

Staudamm-Streit zwische Ägypten und Äthiopien
Carsten Kühntopp, ARD Kairo
27.06.2020 11:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Juni 2020 um 14:20 Uhr.

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