Joseph Blatter (li) und Michel Platini | dpa

Prozess gegen Ex-Fußballfunktionäre Blatter und Platini auf der Anklagebank

Stand: 08.06.2022 11:22 Uhr

Der Prozess gegen Ex-FIFA-Chef Blatter und Ex-UEFA-Präsident Platini hat begonnen. Den beiden früheren Fußballfunktionären drohen wegen einer fragwürdigen Millionenzahlung mehrere Jahre Haft.

Von Kathrin Hondl, ARD-Studio Genf

Es geht um zwei Millionen Schweizer Franken und um zwei ehemalige Fußball-Bosse: Ex-UEFA-Präsident Michel Platini und Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter sitzen auf der Anklagebank des Schweizer Bundesstrafgerichts in Bellinzona.

Kathrin Hondl ARD-Studio Genf

Betrug und Urkundenfälschung lautet der Vorwurf, außerdem Veruntreuung und "ungetreue Geschäftsbesorgung", beziehungsweise im Fall Platini der Beihilfe dazu.

Denn laut Anklageschrift hat die FIFA 2011 - abgesegnet vom damaligen Chef Blatter - zwei Millionen Franken an Platini überwiesen. Und zwar aufgrund einer nach Ansicht der Kläger "fiktiven" Forderung Platinis. Der hatte die Millionensumme für schon länger zurückliegende Beratertätigkeiten in den Jahren 1998 bis 2002 in Rechnung gestellt. Es geht also um den Verdacht der unrechtmäßigen Bereicherung.

"So korrupt wie die ganze Welt"

Bei diesem Prozess zeige sich einmal mehr, dass die FIFA korrupt sei, meint der Jurist Guido Tognoni, der selbst jahrzehntelang für die FIFA tätig war: "Die FIFA ist eben so korrupt wie die ganze Welt, diesen Beweis hätte es eigentlich gar nicht mehr gebraucht." Es gehe um ein internes Geschäft, das zeige, "wie sie sich die Millionen zugeschoben haben und wie man früher mit dem Geld umgegangen ist, was selbstverständlich für die FIFA-Funktionäre war".

Blatter und Platini weisen Anschuldigungen zurück

Die FIFA-Ethikkommission hatte Blatter und Platini bereits 2015 für mehrere Jahre gesperrt, was das Ende ihrer Funktionärskarrieren bedeutete. Die Betrugsvorwürfe haben beide immer abgestritten und ihre Unschuld beteuert. Die verspätete Honorarzahlung für Platini sei rechtmäßig und beruhe auf einem "mündlichen Vertrag".

Er blicke der Verhandlung mit Optimismus entgegen, hatte Blatter schon im vergangenen Herbst mitteilen lassen. Tognoni glaubt den Unschuldsbeteuerungen des Ex-FIFA-Chefs kein Wort: "Blatter hat sich Zeit seines Lebens immer als Opfer der Verhältnisse gefühlt. Aber das ist natürlich nicht wahr: Blatter hat alle seine früheren Förderer missbraucht. Er hat Platini in die Irre geleitet, er hat Platini die Nachfolge versprochen und ihn dann aber abserviert." Blatter sei ein "Menschenfänger gewesen, "dem es nie etwas ausgemacht hat, seine politischen Förderer einfach fallen zu lassen".

Platinis Anwalt vermutet "Komplott"

Für den Gerichtsprozess, der an diesem Mittwoch in Bellinzona beginnt, ist diese Einschätzung des Ex-FIFA-Manns Tognoni sicher nicht relevant. Aber seine harten Worte machen deutlich: In den kommenden Wochen geht es vor dem Schweizer Bundesstrafgericht nicht nur um einen mutmaßlichen Millionenbetrug, sondern auch um mutmaßliche Intrigen und Machtspiele im Fußball-Weltverband.

Der Rechtsanwalt von Blatter wollte sich gegenüber der ARD nicht äußern. Platinis Verteidiger, der Berner Anwalt Dominic Nellen, spricht von einem "politisch motivierten" Verfahren und einem "Komplott". Als die Schweizer Behörden vor sieben Jahren das Verfahren eröffneten, sei das wahre Ziel gewesen, Platinis Wahl zum FIFA-Chef und Blatter-Nachfolger zu verhindern - was wiederum die Wahl von Gianni Infantino, dem aktuellen FIFA-Chef, ermöglichte.

Spekulationen gibt es auch über einen angeblichen Whistleblower, der der Schweizer Bundesanwaltschaft den entscheidenden Hinweis auf die ominöse Millionenzahlung an Platini gegeben haben soll - und das Verfahren gegen die Fußballfunktionäre erst in Gang brachte. Ob das mehr als Verschwörungstheorien sind, wird sich vielleicht in den kommenden Wochen zeigen. Die Hauptverhandlung soll bis zum 22. Juni dauern. Die Urteilsverkündung ist für den 8. Juli angekündigt. Sollten Blatter und Platini schuldig gesprochen werden, drohen ihnen bis zu fünf Jahren Haft.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. Juni 2022 um 08:52 Uhr.