Joe Biden | dpa

US-Präsident Biden US-Truppen bleiben notfalls länger in Kabul

Stand: 19.08.2021 08:08 Uhr

Ursprünglich wollte das US-Militär den Abzug aus Afghanistan Ende August abgeschlossen haben. Doch nun verkündete US-Präsident Biden, dass die Truppen so lange blieben, bis alle Amerikaner aus dem Land geholt seien.

US-Präsident Joe Biden hat nicht ausgeschlossen, dass US-Truppen zur Evakuierung von US-Amerikanern auch über den 31. August hinaus in Kabul bleiben könnten. "Wenn dort noch amerikanische Bürger sind, werden wir bleiben, bis wir sie alle rausgeholt haben", sagte Biden dem US-TV-Sender ABC. Es hänge nun davon ab, wie es in den kommenden Tagen weitergehe und ob man bald 5000 bis 7000 Menschen pro Tag ausfliegen könne. "Wenn das der Fall ist, werden sie alle raus sein."

Mit Blick auf die afghanischen Helfer sagte Biden: "Die Verpflichtung besteht darin, alle rauszuholen, die wir rausholen können, und alle, die rausgeholt werden sollten." Biden sprach von etwa 50.000 bis 65.000 Helfern einschließlich ihrer Familien. Nach eigenen Angaben hat das US-Militär bislang gut 5000 Menschen evakuiert.

Derzeit sind etwa 4500 US-Soldaten am Flughafen Kabul stationiert, in Kürze sollen es 6000 sein. Die Soldaten sollen die Sicherheit des Flughafens gewähren und unter anderem die Evakuierung von Amerikanern und früheren afghanischen Mitarbeitern der US-Streitkräfte organisieren.

"Chaos" war unvermeidbar

Das Chaos beim Abzug der US-Truppen war nach Ansicht von Biden unvermeidbar - aufgrund des Zusammenbruchs der afghanischen Regierung, des Militärs und der schnellen Machtübernahme der Taliban. Er wisse nicht, wie man es hätte schaffen können, den Abzug angesichts dieser Lage "ohne Chaos" zu meistern, sagte Biden.

Auf die Frage, ob die US-Regierung angesichts des jüngsten Chaos am Flughafen in Kabul Fehler gemacht habe oder ob man besser mit der Lage hätte umgehen können, entgegnete Biden: "Nein. Ich glaube nicht, dass wir es auf eine Weise managen konnten (...), um ohne Chaos rauszukommen. Ich weiß nicht, wie das gehen soll."

Keine Warnung der Geheimdienste

Das US-Militär erklärte unterdessen, es habe keine Warnungen der Geheimdienste gegeben, die einen so schnellen Kollaps von Regierung und Streitkräften in Afghanistan vorhergesehen hätten. "Es gab nichts, das ich gesehen habe, oder irgendjemand anders, das auf einen Zusammenbruch dieser Armee und dieser Regierung innerhalb von elf Tagen hingewiesen hätte", sagte Generalstabschef Mark Milley. Es habe mehrere Szenarien gegeben, darunter eine rasche Machtübernahme der Taliban nach einem Kollaps. "Aber der zeitliche Rahmen eines schnellen Zusammenbruchs wurde weithin auf Wochen, Monate oder sogar Jahre nach unserem Abzug eingeschätzt", so Milley weiter.

Diesen Kenntnisstand bestätigte auch Biden in dem ABC-Interview. Auf die Frage nach seinen Äußerungen vom vergangenen Monat, wonach eine Machtübernahme durch die Taliban "hochgradig unwahrscheinlich" sei, erklärte Biden, es habe damals innerhalb der Geheimdienste "keinen Konsens" bezüglich der Prognosen für Afghanistan gegeben. Damals habe es geheißen, eine Machtübernahme sei gegen Ende des Jahres wahrscheinlicher.

US-Medien hatten zuletzt unter Berufung auf Geheimdienstkreise berichtet, dass die Regierung intern Warnungen vor einem möglicherweise sehr schnellen Zusammenbruch bekommen haben soll.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. August 2021 um 08:30 Uhr.