Kandidat vor der Bücherwand: Biden macht Wahlkampf von zu Hause | Bildquelle: AP

Trump-Herausforderer Bidens braver Zuhause-Wahlkampf

Stand: 19.05.2020 16:50 Uhr

Sechs Monate vor der US-Präsidentschaftswahl steht Joe Biden als Trump-Herausforderer quasi fest. Doch dessen Wahlkampf schwächelt - der Biden-Kampagne fehlen Thema und Bühne. Anders als Trump.

Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Wüsste man es nicht besser, dann könnte man dieser Tage leicht auf die Idee kommen, der frühere US-Präsident Barack Obama würde sich für eine dritte Amtszeit bewerben. In einer Videobotschaft an High-School-Absolventen sagte Obama kürzlich:

"Alle diese Erwachsenen, die sich einbilden, sie wären der Chef und wüssten, was zu tun ist. Es stellt sich heraus, dass die nicht die richtigen Antworten haben."

Eine kaum kaschierte Kritik an seinem Nachfolger im Weißen Haus, an US-Präsident Donald Trump. Der versteht genau, wer gemeint ist und schießt in bester Trump-Manier zurück. Obama sei ein inkompetenter Präsident gewesen und "krass unfähig".

"Obamagate" im Trump-Stakkato

Gleichzeitig versucht Trump, das juristische Nachspiel der Untersuchung von russischer Wahlmanipulation zu drehen - und zwar gegen Obama. Trump hat dafür den Begriff "Obamagate" erfunden und hämmert ihn im Stakkato-Takt heraus.

Dass sich Trump so leidenschaftlich an seinem Vorgänger abarbeiten kann, liegt auch daran, dass ihm sein Herausforderer keinerlei Anlass für einen Schlagabtausch liefert. Wegen der Corona-Pandemie setzt Biden derzeit auf einen virtuellen Wahlkampf. Dazu hat er in seinem Haus im Bundestaat Delaware eine Art Fernsehstudio eingerichtet.

Donald Trump | Bildquelle: REUTERS
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Trump ist im Wahlkampf-Modus.

Eher nostalgischer Rückblick als Wahlkampf

Doch ein wirkliches Wahlkampfthema hat die Biden-Kamapgne noch nicht gefunden - ein knappes halbes Jahr vor der Wahl. Sicher, sie versucht in Wahlkampfspots, Kritik an Trumps Corona-Krisenmanagement damit zu verknüpfen, Zweifel an seiner Wirtschaftskompetenz zu sähen: Trump habe keine großartige Konjunktur geschaffen, er habe eine zerstört, behauptet ein Biden-Spot. Und zwar die, die er von Obama geerbt habe.

Wie so oft versucht Biden, mit einem nostalgischem Rückblick auf die Obama-Jahre zu punkten. Aber das will nicht so richtig zünden in diesen Tagen, wo Amerika nach dem besseren Kandidaten sucht, um seine vielen Millionen Corona-Arbeitslosen wieder in Lohn und Brot zu bekommen.

Biden klingt immer artig und gentlemanlike

Wenn Biden dann doch mal aus dem Schatten seines früheren Chefs hervortritt und angreift, dann klingt das immer artig und gentlemanlike.

Das Trump-Lager tut derweil, was es am besten kann: Es sichert sich die Aufmerksamkeit mit Ungeheuerlichkeiten.

"Gleich nach dem Wahltag wird das Coronavirus auf magische Weise verschwinden", behauptet Eric Trump, Sprössling des Präsidenten. Und er unterstellt, die Demokraten hätten die Pandemie-Gefahr maßlos aufgebauscht, um seinem Vater zu schaden. Und um Trumps pompöse Wahlkampftour lahmzulegen.

"Biden zieht nicht einmal zehn Leute", spottet Eric Trump, "bei meinem Vater kommen 50.000." So boshaft und überzogen diese Polemik ist: Sie funktioniert, weil sie ein Körnchen Wahrheit enthält. 

USA: Joe Bidens Kampagne hat ihr Thema noch nicht gefunden
Sebastian Hesse, ARD Washington
19.05.2020 16:01 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. Mai 2020 um 12:51 Uhr.

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