Joe Biden zu Besuch im "Office of the Director of National Intelligence" in McLean | AP

Warnung von US-Präsident Biden "Echter Krieg" könnte auf Cyberangriff folgen

Stand: 28.07.2021 17:51 Uhr

Immer öfter werden Ziele in den USA und in anderen Staaten von Hackern angegriffen - US-Präsident Biden sieht das als immenses Risiko. Nun warnte er sogar vor einem Krieg als Folge eines Cyberangriffs.

An großangelegten Hackerangriffen auf die USA könnte sich nach Einschätzung von Präsident Joe Biden ein Krieg entzünden. "Wenn wir in einem Krieg, einem echten Krieg mit einer Großmacht enden, dann als Folge eines Cyberangriffs von großer Tragweite", warnte er beim ersten Besuch im Büro der Geheimdienstkoordination (ODNI) seit seinem Amtsantritt. "Und die Fähigkeiten (für einen solchen Cyberangriff) nehmen exponentiell zu", fügte er hinzu.

Hackerangriffe aus Russland und China

Russland und China bezeichnete er vor diesem Hintergrund als wachsende Bedrohungen für die nationale Sicherheit der USA. Es gebe eine wachsende Welle von Cyberattacken, darunter mit sogenannter Ransomware, auf amerikanische Regierungsbehörden und die Privatwirtschaft, die US-Beamte mit Agenten in beiden Ländern in Verbindung brächten.

Zuletzt hatten die USA sowohl China als auch Russland für große Cyberattacken verantwortlich gemacht. Die US-Regierung und mehrere Verbündete hatten zuletzt China "unverantwortliche böswillige Cyberaktivitäten" vorgeworfen. Die Anschuldigungen kamen auch von der EU, Großbritannien, der NATO und weiteren Partnern. Unter anderem sehen die USA China hinter dem Angriff auf den US-Konzern Microsoft im März.

Russland: Kriminelle und Geheimdienste

Mit Blick auf Russland wiederum kritisieren die USA zwei verschiedene Arten von Hackerangriffen: zum einen von Kriminellen, die nach US-Angaben ungestört Ziele im Ausland angreifen können; zum anderen von russischen Geheimdiensten auf Ministerien, Behörden und Firmen in den USA. Sie haben deswegen bereits Sanktionen gegen Russland verhängt. Die russische Regierung bestreitet solche Attacken.

Hunderte Unternehmen angegriffen

Erst Anfang Juli griffen Hacker über eine Schwachstelle beim amerikanischen IT-Dienstleister Kaseya Hunderte Unternehmen mit Erpressungs-Software an. Die von Experten in Russland verortete Gruppe REvil verlangte 70 Millionen US-Dollar (etwa 59 Millionen Euro) in der Digitalwährung Bitcoin für einen Generalschlüssel zu allen betroffenen Computern.

Die gleiche Gruppe steckte vor wenigen Wochen bereits hinter dem Angriff auf den weltgrößten Fleischkonzern JBS. Das Unternehmen musste als Folge für mehrere Tage Werke unter anderem in den USA schließen. JBS zahlte den Angreifern umgerechnet elf Millionen Dollar in Kryptowährungen.

"Schäden und Störungen in der realen Welt"

Wenige Wochen vor JBS hatte es den Betreiber einer der wichtigsten Benzinpipelines in den USA getroffen. Der Stopp der Pumpen löste zum Teil Panikkäufe an der US-Ostküste aus. Die Betreiberfirma Colonial zahlte den Hackern 4,4 Millionen Dollar - gut die Hälfte davon wurde allerdings wenig später vom FBI im Netz beschlagnahmt.

"Wir haben gesehen, wie Cyber-Bedrohungen, einschließlich Ransomware-Angriffen (Angriffe zur Erpressung von Lösegeld), zunehmend in der Lage sind, Schäden und Störungen in der realen Welt zu verursachen", sagte Biden.

Gespräch mit Putin über "Tabu-Ziele"

Angesichts großer Spannungen wegen der jüngsten Hackerattacken hatten Biden und Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Gipfeltreffen im Juni in Genf vereinbart, dass ihre Regierungen Gespräche über Cybersicherheit aufnehmen. Dabei soll es etwa darum gehen, konkrete Fälle anzusprechen und Ziele zu definieren, die tabu sein sollten für Attacken.

Biden hatte Moskau eine Liste mit 16 Bereichen kritischer US-Infrastruktur übergeben, auf die keine Hackerangriffe verübt werden dürften. Dazu zählen laut US-Regierung unter anderem der Lebensmittel- und Energiesektor, Verkehrs- und Kommunikationsnetze, Banken oder Gesundheitseinrichtungen.

Pläne zum Schutz vor Cyberattacken

Die US-Regierung stellte nun Pläne vor, wie sie den Schutz solcher kritischer Infrastrukturen verbessern will. Unter anderem soll die US-Behörde für Cyber- und Infrastruktursicherheit (Cisa) gemeinsam mit anderen Stellen Zielvorgaben entwickeln, die private Betreiber zum Schutz ihrer Systeme einhalten sollen.

Ein hochrangiger Regierungsbeamter sagte, der Staat könne hier nicht alleine handeln, die Industrie müssen ihren Teil beitragen. Fast 90 Prozent der kritischen Infrastruktur in den USA sei in der Hand des Privatsektors. Zunächst seien freiwillige Schritte geplant, um den Schutz zu verbessern. Die Regierung erwäge aber auch, verpflichtende Vorgaben zu erlassen, um die Cybersicherheit zu stärken. Derzeit gebe es keine systematischen Regularien, sondern nur Flickwerk. Das sei angesichts der wachsenden Bedrohung "unzureichend".

Vertrauen in Geheimdienstmitarbeiter

Bei seiner Ansprache im Büro der Geheimdienstkoordination, das 17 US-Nachrichtendienste beaufsichtigt, mühte sich Biden auch, Schäden aus der Vergangenheit zu kitten. Sein republikanischer Amtsvorgänger Donald Trump hatte die Nachrichtendienste teils scharf kritisiert und etwa Erkenntnisse der amerikanischen Geheimdienste zu Einmischungen Russlands in die US-Wahlen von 2016 infrage gestellt. Damit düpierte Trump damals seine eigenen Leute.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. Juli 2021 um 20:00 Uhr.