Joe Biden in einer kirche in Kenosha in Wisconsin | REUTERS

Joe Biden in Kenosha "Den Sündenfall unseres Landes aufarbeiten"

Stand: 04.09.2020 07:40 Uhr

Unterschiedlicher hätten die Besuche in Kenosha nicht sein können. Biden inszeniert sich als Tröster, der das gespaltene Land zusammenbringen will, Trump als Hüter von Recht und Ordnung.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

So viel hochkarätigen Politbesuch in einer Woche hat die 100.000-Einwohner-Stadt Kenosha in Wisconsin wohl noch nicht erlebt: Erst der US-Präsident am Dienstag, und dann gestern sein demokratischer Herausforderer Joe Biden. Der ehemalige Vizepräsident musste noch nicht mal den Flughafen verlassen, um das zu bekommen, was Donald Trump verwehrt geblieben war: Ein Treffen mit der Familie von Jacob Blake - und ein Telefonat mit dem schwerverletzten Mann selbst.

Er hätte gerade mit Jacob telefoniert, berichtete Biden anschließend. Der sei inzwischen raus aus der Intensivstation und sie hätten gemeinsam gebetet. "Er hat mir gesagt, dass ihn nichts besiegen kann. Und egal, ob er je wieder laufen kann: Er wird nie aufgeben", berichtet Biden.

Trump erwähnt Blake bei seinem Besuch nicht

Ein weißer Polizist hatte Blake sieben Mal in den Rücken geschossen. Er ist nun querschnittsgelähmt. Doch die ganze Familie, so Biden, vermittle ein überwältigendes Gefühl von Widerstandsfähigkeit und Optimismus.

Der Kontrast zwischen dem Besuch des demokratischen Kandidaten und dem des Amtsinhabers hätte deutlicher nicht sein können.

Trump hatte Jacob Blake während seines Besuchs nicht mal erwähnt - und auch die Themen Polizeigewalt und institutionellen Rassismus ausgespart, die seit Monaten landesweit Hunderttausende Menschen auf die Straße treiben. Stattdessen besichtigte der Präsident ausgebrannte Läden und traf sich mit Vertretern der örtlichen Polizei in einer Turnhalle, um ihnen zu danken.

Demonstrationen nach Schüssen

Die Schüsse auf Blake hatten zu Demonstrationen und Ausschreitungen geführt. Dabei soll ein 17-Jähriger Fan des Präsidenten zwei Menschen erschossen und einen weiteren schwer verletzt haben. Doch Trump, ganz der "Law-and-Order"-Präsident, hatte nur Lob für die Sicherheitskräfte. Wie diese reagiert hätten, sei wirklich unglaublich und inspirierend - obwohl es doch offenbar einige Leute darauf anlegen würden, dass die Unruhen nie endeten, sagte Trump.

Biden dagegen erklärte bei seinem gut einstündigen Treffen mit Polizisten, Geschäftsbesitzern und der "Black-Lives-Matter"-Bewegung in einer Kirche in Kenosha: "Wir kommen endlich zu dem Punkt, an dem wir den Sündenfall unseres Landes aufarbeiten. Den Sündenfall der Sklaverei." 

Biden und Trump nutzen Kenosha für Wahlkampf

Amtsinhaber Trump hatte bei seinem Besuch eine Million Dollar für den Polizeietat und vier Millionen für die Geschädigten in Kenosha im Gepäck. Biden dagegen versuchte, vor allem mit Zuhören und Trösten zu punkten. Dabei trug er - anders als Trump - konsequent seine Maske. Und hatte so zwischendurch hörbar Mühe beim Atmen. Für Attacken auf seinen Konkurrenten reichte die Luft aber. Die Worte eines Präsidenten machten einen Unterschied, sagte Biden. Trump legitimiere mit seinen Äußerungen die dunkle Seite der menschlichen Natur.

Genau wie Trump nutzte Biden seinen Auftritt in Kenosha ganz unverhohlen für den Wahlkampf. Es gehe dabei aber nicht um ihn, versicherte er, sondern darum, vier weitere Jahre Trump zu verhindern - denn das würde das Land um Generationen zurückwerfen.

Wie schon vor dem Besuch von Trump hatte Wisconsins demokratischer Gouverneur Tony Evers auch Biden gebeten, jetzt nicht nach Kenosha zu kommen. Doch im Wahlkampf ist Wisconsin viel zu wichtig. Nur mit gut 22.000 Stimmen Vorsprung hatte Trump den Bundesstaat 2016 überraschend gewonnen. Wer also die Wahl in gut 60 Tagen gewinnen will, kommt an Kenosha und Wisconsin derzeit nicht vorbei.