US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden im Interview mit Charlamagne Tha God. | Bildquelle: via REUTERS

US-Wahlkampf Biden irritiert schwarze Wähler

Stand: 23.05.2020 11:38 Uhr

US-Demokrat Biden stellte in einem Radiointerview die Identität schwarzer Trump-Wähler infrage. Nach heftigen Gegenreaktionen rudert er zurück - doch die Republikaner nutzen die Aussage bereits für sich.

Joe Bidens Interview in der bei schwarzen US-Amerikanern beliebten Radiosendung "The Breakfast Club" hätte ihn im US-Wahlkampf bei einer entscheidenden Wählergruppe nach vorn bringen können - doch mit seinem Auftritt hat er womöglich das Gegenteil erreicht.

Gegen Ende des Gesprächs in der New Yorker Radiosendung, die als Videoaufzeichnung veröffentlicht wurde, fragte ihn Moderator Charlamagne Tha God nach Berichten, denen zufolge Biden die Senatorin Amy Klobuchar als "running mate" für die Präsidentschaftswahl ausgesucht habe - viele Wähler wünschten sich jedoch eine schwarze Frau für die Aufgabe, da schwarze Wähler ihm bei den Vorwahlen sein politisches Überleben gerettet hätten.

"Ich garantiere Ihnen: Es werden bereits mehrere schwarze Frauen in Betracht gezogen", antwortete Biden. Er setzte nach: "Wenn Sie Schwierigkeiten damit haben, herauszufinden, ob Sie für Trump oder für mich sind, dann sind Sie nicht schwarz!" Dazu blickte er direkt in die Kamera und versuchte im Nachgang, einen jovialen Gesprächston zwischen ihm und Charlamagne Tha God zu etablieren - allerdings sichtlich ohne Erfolg.

"Ich hätte nicht so ein Schlaumeier sein sollen"

Große Teile der US-amerikanischen Öffentlichkeit reagierten empört. Auf Twitter trendete der Hashtag "YouAintBlack" - "Sie sind nicht Schwarz". Die Bemühung einer Beraterin Bidens, die Aussage als "scherzhaft" abzufangen, fanden kaum Gehör.

In einer Telefonkonferenz mit der Handelskammer "US Black Chamber of Commerce" gab Biden zu erkennen, dass er seine Aussagen bereue: "Unterm Strich war ich vielleicht zu nassforsch. Ich weiß, dass die Aussagen herüberkamen, als würde ich die Wahlentscheidung der Afroamerikaner als selbstverständlich ansehen - aber das ist ganz und gar nicht der Fall. Das habe ich nie getan - ich habe sie mir bei jeder Kandidatur verdient", zitiert ihn der Sender CNN.

Er wisse, dass er sich der Stimmen nie sicher glauben könne: "Ich hätte nicht so ein Schlaumeier sein sollen, nicht so nassforsch."

Unterstützer von US-Demokrat Joe Biden haben sich vor einem Wahlkampfauftritt in Detroit versammelt. | Bildquelle: AFP
galerie

Unterstützer von US-Demokrat Joe Biden haben sich vor einem Wahlkampfauftritt in Detroit versammelt. Sein Erfolg bei den Vorwahlen ging maßgeblich auf afroamerikanische Wähler zurück.

Trumps Wahlkampfteam schlachtet den Fehltritt aus

Für die Republikaner, die für eine weitere Amtszeit von US-Präsident Donald Trumps kämpfen, ist Bidens Fehltritt jedoch eine Gelegenheit, ihn gegen die Rassismusvorwürfe gegen die eigenen Reihen zu wenden: Trumps Wahlkampfteam teilte mit, Biden glaube als Weißer offensichtlich, Schwarze seien "unfähig, unabhängig zu sein oder unabhängig zu denken". Wahlkampfberaterin Katrina Pierson nannte Biden einen "elitären weißen Liberalen", der "rassistisch erniedrigende" Aussagen mache.

US-Präsident Trump selbst, der gern auf Twitter über seine Gegner herzieht, hat bislang nicht das Wort ergriffen. Sein Sohn Donald Trump Junion warf Biden jedoch eine "ekelhafte und entmenschlichende, rassistische Mentalität" vor.

Senator Tim Scott, der einzige schwarze Republikaner in der Parlamentskammer, nannte Bidens Aussagen "die herablassendsten und arrogantesten Kommentare gegenüber der schwarzen Gemeinschaft, die ich je gehört habe". Bei der Präsidentschaftwahl 2016 hätten 1,3 Millionen Afroamerikaner für Trump gestimmt - ihnen rief Scott zu: "Heute Mittag hat Joe Biden jedem von Ihnen gesagt, dass Sie nicht schwarz sind!" Er habe es nicht glauben können, dass Biden so tief sinken würde, den Leuten zu sagen, "was sie tun sollten, wie sie denken sollten und was es bedeutet, schwarz zu sein."

Diskussion über schwarze Identität nicht Bidens Sache

Der Moderator Charlamagne Tha God bekräftigte nach Bidens Auftritt, gegenüber CNN, es sei nötig, dass eine schwarze Frau zur Kandidaten für das Vizepräsidentenamt gemacht werde. Im Übrigen sei die Frage, "was jemanden schwarz macht", eine Diskussion, die Schwarzen vorbehalten sein sollte, "nicht einem weißen Mann."

Vor allem schwarzen Wählern hat Biden es zu verdanken, dass er bei den Vorwahlen nach schwachen ersten Ergebnissen in den überwiegend von Weißen bewohnten Staaten Iowa und New Hampshire doch noch auf der Siegerstraße landete. Sein Wahlerfolg am 3. November hängt maßgeblich davon ab, ob afroamerikanische Wahlberechtigte für ihn stimmen - oder überhaupt abstimmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Mai 2020 um 13:00 Uhr.

Darstellung: