Joe Biden hält eine Rede nach seiner Vereidigung | AFP

Bidens Amtseinführung "Der Präsident aller Amerikaner"

Stand: 20.01.2021 20:12 Uhr

Die Ära Trump ist Vergangenheit - und der neue Präsident Biden will vor allem um die Einheit der Nation kämpfen. Nach seiner Vereidigung appellierte er eindringlich an sein Land, wieder zusammenzufinden.

Von Eckart Aretz, tagesschau.de

Es war gegen 11.52 Uhr Ortszeit, als eine andere Haltung Einzug hielt im Herzen Washingtons. Vier Minuten zuvor hatte Joe Biden seinen Eid als 46. Präsident der Vereinigten Staaten abgelegt, nun begann er seine Antrittsrede, die einen tiefgreifenden Kontrast markieren sollte zum Ton, den der an diesem Tag aus dem Amt geschiedene Donald Trump in den vergangenen Jahren angeschlagen hatte.

Eckart Aretz tagesschau.de

Biden stellte seine Rede an die Nation und die Welt unter die Begriffe der Einheit, der Zuversicht und des Aufbruchs. Er erinnerte seine Zuhörer gleich zu Beginn an die Lehren der vergangenen Wochen, als den Amerikanern durch den Sturm des Kapitols brutal vor Augen geführt worden war, wie zerbrechlich auch die amerikanische Demokratie ist - nun feiere Amerika den "Triumph der Demokratie". Die Antwort auf den Angriff auf das Innerste des Staates müsse der "amerikanische Weg" sein, sagte Biden - sich "kühn, optimistisch und ruhelos" um eine bessere Gesellschaft zu bemühen.

Ein Präsident für alle

Sich noch mehr bemühen, noch härter arbeiten, noch mehr nach Verbesserung streben - die klassischen Bestandteile politischer Reden in den USA prägten die Rede Bidens. Den roten Faden bildete das Versprechen, für eine einige Nation zu kämpfen und die Gräben im Land zu überwinden, immer wieder kam Biden auf diesen Punkt zurück. Er werde ein Präsident aller Amerikaner sein, versprach er, auch derer, die ihn nicht gewählt hatten.

Der neue Präsident erinnerte an die Menschen, die in der Corona-Pandemie ihr Leben verloren hatten, er prangerte die Ungleichheit zwischen den ethnischen Gruppen im Land an und rief seine Mitbürger zum Umdenken auf: "Machen wir einen Neuanfang, alle miteinander." Dafür soll auch Kamala Harris stehen, die erste schwarze Vizepräsidentin der USA mit jamaikanisch-indischen Wurzeln, die kurz vor Biden vereidigt worden war.

Abwesend und doch dabei: Trump

Bei diesen und vielen anderen Passagen stand einer wie der berühmte weiße Elefant mit auf dem Balkon: Bidens Vorgänger Trump. Biden erwähnte ihn namentlich nicht, so wie auch Trump ihn bei seinem Abschied aus Washington nicht erwähnt hatte. Aber dass es Biden um eine fundamentale Abkehr vom politischen Geist der vergangenen vier Jahre und um eine andere politische Kultur ging, sprach aus nahezu jedem Satz des neuen Präsidenten.

So wandte er sich gegen die Verbreitung von Falschmeldungen und Verschwörungstheorien: "Wir müssen die Kultur ablehnen, in der Fakten manipuliert und sogar fabriziert werden", sagte er. Amerika müsse besser sein als das.

Und auch den Partnern der USA versprach er einen Neuanfang - "wir gehen wieder ein auf die Welt", sagte er und kündigte an, die USA würden ein "starker Partner für Sicherheit und Frieden" sein.

Größer hätte an dieser Stelle der Kontrast zu der Amtseinführung Trumps vor vier Jahren nicht sein können, als dieser der Welt vom Balkon des Kapitols mitteilte, ab jetzt gelte nur noch "America first".

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Bidens Personalentscheidungen

Amtseid ohne Zuschauer

Auch in seiner äußerlichen Form unterschied sich die Amtseinführung deutlich von der Zeremonie von 2017. Damals ging es anschließend darum, wie viele Zuschauer der Amtseinführung überhaupt beigewohnt hatten - in diesem Jahr musste die "Mall" vor dem Kapitol Corona-bedingt leer bleiben. Statt Hunderttausenden Zuschauern repräsentierten rund 200.000 kleine US-Flaggen die Menschen in der Freifläche zwischen dem Parlamentsgebäude und dem Lincoln Memorial.

Stars wie Lady Gaga, die die Nationalhymne sang, und Jennifer Lopez verliehen der Veranstaltung etwas von dem Glanz, der sie früher ausgezeichnet hatte. Aber die Anwesenheit von 25.000 Nationalgardisten in der Hauptstadt erinnerten die Besucher jederzeit daran, in welchen Abgrund ihr Land erst kürzlich geschaut hatte.

Und auf dem Balkon trugen alle Teilnehmer der Zeremonie Masken - auch dies ein Unterschied zur Abschiedsveranstaltung, die Trump am Morgen auf einem Militärflughafen bei Washington für sich hatte ausrichten lassen.

Abschiedszeremonie für Präsident Trump auf dem Militärflughafen Base Andrews | AP

Einmal noch sich feiern: Trump verabschiedete sich auf einem Militärflughafen von seinen Anhängern. Bild: AP

Eigenlob zum Schluss

Erstmals seit 150 Jahren nahm damit ein scheidender Präsident nicht an der Amtseinführung seines Nachfolgers teil. Vor dicht gedrängt stehenden Anhängern, Familienmitgliedern und Mitarbeitern auf "Base Andrews" lobte Trump noch einmal ausschweifend die Erfolge seiner Amtszeit und kündigte an, er werde "in irgendeiner Form" zurückkehren.

Was er damit meinte, ob er den Versuch eines politischen Comebacks ankündigen wollte oder aber eine andere Form von öffentlicher Präsenz, ließ Trump offen. Mit der Präsidentenmaschine Air Force One flog die Familie Trump dann zu ihrem Anwesen Mar-a-Lago in Florida.

Entscheidungen noch am ersten Tag

In normalen Zeiten hätte der Tag für Biden mit dem Besuch zahlreicher Bälle in Washington geendet, die traditionell zur Amtseinführung ausgerichtet werden. Aber die Zeiten sind nicht danach, und so hat der neue Präsident für den ersten Tag gleich eine ganze Reihe von Entscheidungen angekündigt, die einen Bruch mit der Politik Trumps markieren sollen - etwa zur Bekämpfung des Coronavirus, des Rassismus und zur Klimapolitik.

Keine Zeit verschenken - Biden weiß, dass er sich beeilen muss. Im US-Senat herrscht Stimmengleichheit zwischen Republikanern und Demokraten, hier wird die Stimme von Harris den Ausschlag geben. Dass Biden sich bemühen wird, auf die bislang regierenden Republikaner zuzugehen, machte er mit einer Geste am Morgen deutlich, als er Spitzenpolitiker der Partei zu einem Gottesdienst vor der Amtseinführung einlud.

Ob dies der Beginn einer neuen Bereitschaft zur Kooperation in Washington sein wird, muss sich weisen - schon bald wird es im Senat zur Debatte über die Amtsenthebung von Trump gehen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Januar 2021 um 20:00 Uhr.