Bethlehem | Bildquelle: <Tim Aßmann>

Siedlungsbau bei Bethlehem Die eingezwängte Stadt

Stand: 24.12.2019 10:44 Uhr

Bethlehem ist in diesen Tagen wieder Ziel vieler christlicher Pilger. Dabei entgeht ihnen oft, was das Leben der Einwohner schon lange bestimmt - dass der Stadt immer mehr Raum zur Entwicklung genommen wird.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Eine acht Meter hohe Betonwand, darauf ein Wachturm. Davor - nur wenige Meter vom israelischen Grenzübergang entfernt - steht Dror Etkes und blickt hinüber nach Bethlehem. "Diese Wand ist praktisch die Grenze zwischen Bethlehem und dem, was heute Jerusalem ist", erklärt er. Etkes ist Israeli und kritischer Experte für den Siedlungsbau in den besetzten palästinensischen Gebieten. Er war unter anderem Teil der Bewegung "Frieden Jetzt" und verfolgt seit Jahrzehnten, wie die Siedlungen rund um Bethlehem immer weiter ausgebaut werden.

Etwas südlich von Bethlehem befindet sich ein kahler Hügel. Einige Kilometer entfernt sieht man die israelische Siedlung Evrat. Dror zeigt auf ein paar Wohncontainer auf dem Nachbarhügel. Hier soll eine neue Siedlung entstehen, erzählt er. "Plan ist, ungefähr 2500 Häuser hier zu bauen. Das heißt eine riesige Siedlung, also eine neue Nachbarschaft von Evrat. Und wenn diese Siedlung gebaut wird, ist Bethlehem von allen Seiten zu."

Israelische Siedlung Evrat | Bildquelle: <Tim Aßmann>
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In der Nachbarschaft der israelischen Siedlung Evrat soll bald eine weitere Siedlung entstehen.

 Keine Entwicklungsmöglichkeiten

Mehr als 100.000 jüdische Siedler in rund 20 kleineren und größeren Ortschaften leben schon jetzt in der Region um Bethlehem und es werden mehr, sagt Suhail Khalilieh. Der Palästinenser beobachtet die Entwicklung der Siedlungen für die Nichtregierungsorganisation Arij in Bethlehem. "Wenn man alle bekannten Pläne für den Ausbau von Siedlungen und neue Verbindungsstraßen zusammen nimmt, wird das die Zahl der Siedler in der Region um Bethlehem in den nächsten zehn Jahren mindestens verdoppeln."

Von drei Seiten fressen sich die Siedlungen immer näher an die palästinensische Stadt und ihre Nachbardörfer heran, an der vierten Seite begrenzt die israelische Sperrmauer das Gebiet. Die Folge ist, dass die palästinensischen Kommunen, eingezwängt zwischen Siedlungen, den Verbindungsstraßen und der Mauer, keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr haben. "Bethlehem wird viele Einwohner verlieren, denn es gibt kein freies Bauland mehr, keinen Platz zur Ausdehnung", erklärt Khalileh. "Die Grundstückspreise sind in den letzten zehn Jahren durch die Decke gegangen. Die Leute haben keinen Platz mehr zum Leben."

Übergang nach Bethlehem | Bildquelle: <Tim Aßmann>
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Wer von Israel in das palästinensische Autonomiegebiet möchte, wo Bethlehem liegt, muss einen Grenzübergang passieren.

Junge Menschen ziehen weg 

Viele junge Familien können sich in Bethlehem keine Wohnung leisten, und es fehlt auch schlicht der Platz für Neubauten. Hinzu kommen die insgesamt schlechten Perspektiven in den palästinensischen Gebieten.

Der lutheranische Pastor Munther Isaac klagt, dass seine Kirchengemeinde immer kleiner und im Schnitt älter werde. "Vor allem junge Leute gehen - wegen der Lebensqualität. Das ist hier ein großes Gefängnis. Viele meiner Freunde haben aufgegeben und sind gegangen. Ich werfe ihnen das nicht vor."

Was den Pastor stört, ist das Verhalten vieler Pilger, die Bethlehem besuchen. "Unser Schicksal als Einwohner dieser Stadt interessiert sie nicht", sagt Isaac. Für die vielen Pilger in der Weihnachtszeit seien sie unsichtbar. Sie wollten Plätze und Steine sehen, aber nicht so sehr die Menschen, die Gemeinde. "Wenn Bethlehem nicht hier auf der palästinensischen Seite wäre, wäre es den Millionen von Pilgern egal, was es heißt Palästinenser zu sein und wie es ist unter der Besatzung zu leben." Isaac will in Bethlehem bleiben, er will sich seine Heimatstadt ohne Christen nicht vorstellen. Auf eine Besserung der politischen Lage hofft der Pastor aber nicht.

 

"Ein großes Gefängnis" - Bethlehems Lage zwischen israelischen Siedlungen
Tim Aßmann, ARD Tel Aviv
24.12.2019 09:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Dezember 2019 um 09:00 Uhr.

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