Wäsche an Häusern in Berg-Karabach

Reportage aus Berg-Karabach Der vergessene Krieg um den "Garten in den Bergen"

Stand: 01.08.2014 17:50 Uhr

Der Konflikt um Südossetien trat mit dem Georgien-Krieg wieder ins Bewusstsein der Welt. Ein anderer Konflikt auf dem Gebiet der Ex-Sowjetunion gilt weiter als "vergessen": 30.000 Menschen starben bislang in Berg-Karabach. Tausende mussten fliehen. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Hadrut in Berg-Karabach
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Hadrut liegt weit im Süden Berg-Karabachs. In der Ebene am Horizont verläuft die Waffenstillstandslinie zu Aserbaidschan.

Mildes Herbstlicht scheint auf Hadrut, einen Ort mit ein paar tausend Einwohnern tief im Süden von Berg-Karabach. Die Grenze zu Iran liegt 30 Kilometer entfernt - sie ist geschlossen. Von einem Truppenübungsplatz am Rande des Ortes weht ab und zu leise das Knattern von Maschinengewehren herüber.

Nikolai achtet nicht darauf. Der 61-Jährige gießt gerade die Blumen in seinem Garten. Seinen Gästen bietet er Äpfel, Birnen und frische Walnüsse an. Das Wasser für den Tee holt er aus dem Brunnen neben seinem Haus. Dann kommt der Mann mit dem Drei-Tage-Bart schnell ins Erzählen. Früher sei er Feuerwehrmann gewesen, jetzt lebe er von seiner Rente und dem, was der Garten hergebe - so wie viele im Ort. Den Tränen nahe erzählt er, sein 16-Jähriger Sohn sei im Krieg gegen die Aserbaidschaner Anfang der Neunziger Jahre gefallen. Ja, auch er habe gekämpft. Aber da wird er wortkarg.

Über die eigenen Taten wird nicht gesprochen

der 61-jährige Nikolai aus Hadrut
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Wie Nikolai sehen viele Karabach-Armenier in den Aserbaidschanern die Kriegsverursacher.

An seiner Meinung zu den Aserbaidschanern, von denen vor dem Krieg auch einige Familien in Hadrut gelebt haben, lässt Nikolai jedoch keinen Zweifel. Aufgebracht erzählt er, die Aserbaidschaner hätten damals die Karabach-Armenier vertreiben wollen. Sie hätten die armenische Sprache verboten und das sei nur der Anfang gewesen. Andere Leute im Ort sprechen sogar von Genozid. Berg-Karabach habe schon immer den Armeniern gehört. Die Aserbaidschaner hätten darauf keinen Anspruch, so die Rechtfertigung für den Krieg. Über die eigenen Taten - die Vertreibung und Tötung von Aserbaidschanern - wird nicht gesprochen.

Bergkarabach

Das bergige Gebiet hat etwa 140.000 Einwohner - in der Mehrheit christliche Armenier. Zu sowjetischen Zeiten hatte die Region den Status eines autonomen Gebiets inmitten Aserbaidschans. Völkerrechtlich gehört sie noch zu Aserbaidschan. 1991 erklärte die Republik Bergkarabach ihre Unabhängigkeit. Die Führung in Baku wirft dem Nachbarland vor, völkerrechtswidrig aserbaidschanisches Gebiet besetzt zu halten.

Bergkarabach hat eine eigene Regierung und eigene Verfassung. Die Unabhängigkeit wurde bislang jedoch von keinem Staat anerkannt. Seit 1994 gilt in der Region eine Waffenruhe, die in den vergangenen Jahren immer wieder von den verfeindeten Ex-Sowjetrepubliken gebrochen wurde. Die derzeitigen Gefechte sind seitdem jedoch die schwersten.

Kompromissvorschläge zur Lösung des Konfliktes haben da keine Chance. Auch Gegam Bagdasazyan ist dafür nicht zu begeistern, obwohl er schon mehrere Projekte gemeinsam mit Aserbaidschanern organisiert hat. Der Parlamentsabgeordnete ist, wie er sagt, der einzige verbliebene oppositionelle Politiker von Karabach. Bagdasazyan kann dem Vorschlag der "Minsker Gruppe" der OSZE nicht viel abgewinnen. Der sieht als Teil einer Lösung vor, die Kriegsflüchtlinge an ihre Herkunftsorte zurückkehren zu lassen. "Dafür ist es zu früh. Die Menschen stehen sich noch immer als Feinde gegenüber und haben kein Vertrauen zueinander", so Bagdasazyan.

"Aufgabe der Pufferzone käme Selbstmord gleich"

Auch die Rückgabe der zusätzlich als "Pufferzone" eingenommen aserbaidschanischen Gebiete um Karabach hält er nicht für sinnvoll: "Das wäre Selbstmord, weil das Territorien sind, von denen aus wir leichter beschossen werden können." Solange Aserbaidschans Regierung ihre Kriegsrhetorik nicht beende und keinen Gewaltverzicht erkläre, könne Karabach kein Vertrauen aufbauen. So leben die Menschen in Berg-Karabach in einem permanenten Spannungszustand. In jedem kleineren Ort gibt es ein Kriegskommissariat. Das Straßenbild besonders in der Hauptstadt Stepanakert wird von Männern in Uniform geprägt.

Wettlauf um Militärausgaben

Die am Konflikt beteiligten Staaten - Aserbaidschan und die "Schutzmacht" Armenien - scheinen noch weit entfernt von konkreten Schritten zu einem Frieden zu sein. Einerseits seien die Menschen beider Staaten gegen Kompromisse mit dem Gegner, erklärt Politikexperte Wartan Pogosjan in Armeniens Hauptstadt Jerewan. Andererseits würden beide Regierungen eine ständige Kriegsgefahr heraufbeschwören, um demokratische Reformen im eigenen Land zu verzögern. Tatsächlich stiegen die Militärausgaben in den vergangenen Jahren kontinuierlich an - sowohl in Armenien als auch in Aserbaidschan.

USA und Russland gegen einseitige Konfliktlösung

Hinzu kommt, dass die USA und Russland zumindest mittelbar in der Region engagiert sind. Das erleichtert eine Lösung nicht. Nach Angaben der Stiftung Wissenschaft und Politik investieren die USA 30 Millionen Dollar in die Modernisierung der Flotte Aserbaidschans und unterstützen den Bau von zwei Radarstationen in der Nähe der russischen und iranischen Grenze. Russland seinerseits hat enge militärische Verbindungen zu Armenien. Die beiden Staaten unterzeichneten 1997 ein 25 Jahre währendes Militärabkommen.

Wrack eines Lastwagens vor Trümmern in der Stadt Schuschi (Foto: Silvia Stöber)
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Orte wie hier Schuschi in Berg-Karabach sind noch immer schwer gezeichnet von den Kriegszerstörungen.

Politikexperte Pogosjan glaubt nicht, dass sich eine der beiden Weltmächte für die Lösung des Konfliktes zugunsten einer Seite engagieren würde: "Beide Staaten wissen, dass sie mit der einseitigen Unterstützung einer der Parteien die andere Seite als Partner im Südkaukasus verlieren würden, was beide aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen nicht wollen." Eine ausgewogene Kompromisslösung werde wiederum von den Konfliktparteien nicht akzeptiert - sodass alle Bemühungen bisher im Sande verlaufen.

Der Georgien-Krieg - eine Warnung für Aserbaidschan

Andererseits verweist Pogosjan darauf, dass der Konflikt zwischen Georgien und Russland im Sommer ein warnendes Signal an Aserbaidschan dafür gewesen sei, wie Russland auf Kriegshandlungen reagieren könne. Aber der aserbaidschanische Präsident Ilcham Alijew setzt - anders als Georgiens Präsident Michail Saakaschwili - nicht einseitig auf eine NATO-Mitgliedschaft, sondern balanciert seine Interessen zwischen Russland und dem Westen aus.

Doch solange es keine Lösung des Karabach-Konfliktes gibt, solange bleiben die Menschen in der umstrittenen Bergregion isoliert. Flüge gestattet Aserbaidschan nicht. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist eine Straße nach Armenien - gebaut mit dem Geld vermögender Exil-Armenier.

Zur Hochzeit 1000 Dollar und eine Kuh

Hochzeitpaar mit einer Kuh
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Wer an der Massenhochzeit teilnimmt, bekommt eine Kuh.

Der Haushalt Berg-Karabachs wird zu einem großen Teil von Armenien bestritten. Die Separatistenregierung setzt trotzdem auf Eigenständigkeit. Um Armenier nach Karabach zu locken oder sie dort zu halten, gewährt die Regierung den Menschen großzügige Unterstützung. Angehörige von Kriegsopfern erhalten Wohnung, Arbeitsplatz und Witwenrente. Um Familiengründungen zu fördern, findet in diesen Tagen eine Massenhochzeit unter dem Motto "Grand Wedding - Happy Nation" statt. Jedes teilnehmende Paar bekommt 1000 US-Dollar und eine Kuh. 

Nikolai aus Hadrut im Süden von Berg-Karabach braucht derlei finanzielle Anreize nicht. Er findet sich ab mit dem kargen Leben in dem Ort, auch wenn er kein Wasser aus der Leitung hat und die meisten Häuser in seiner Nachbarschaft verlassen und verfallen sind. Er lebt in seinem eigenen Haus und, was ihm besonders wichtig ist: Er ist dem Grab seines Sohnes nahe, der im Krieg gefallen ist. Wie jeder, den man in Karabach fragt, wünscht er sich Frieden. Doch von konkreten Schritten zu einer Aussöhnung mit den Aserbaidschanern wollen die wenigsten etwas wissen.

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