Das Foto zeigt die Gefechte zwischen Aserbaidschan und Armenien in Bergkarabach. | AP

Gefechte um Bergkarabach Aserbaidschan setzt Offensive fort

Stand: 29.09.2020 20:02 Uhr

Gegen die aserbaidschanischen Truppen können die Kämpfer aus Bergkarabach nur wenig aussetzen: Erneut wurden armenische Panzer zerstört, Zivilisten starben. Kanzlerin Merkel fordert eine sofortige Waffenruhe.

Aserbaidschan hat seine militärische Offensive in der umkämpften Region Bergkarabach fortgesetzt. Die Truppen bewegten sich in Richtung der Stadt Füsuli und zerstörten vier armenische Panzer, wie es aus dem Verteidigungsministerium in der Hauptstadt Baku hieß. Die Gesamtzahl der Toten seit Sonntag stieg auf 114 in Berg-Karabach, darunter Dutzende Soldaten und viele Zivilisten, wie die armenischen Behörden mitteilten.

Genaue Opferzahlen aus Aserbaidschan waren zunächst nicht bekannt. Es gebe aber zehn tote Zivilisten, hieß es aus der Hauptstadt Baku.

Berichte über abgeschossenen Kampfjet

Aserbaidschan hatte nach eigenen Angaben bereits am Sonntag sieben Dörfer in Bergkarabach zurückerobert. Militärberichten zufolge nahmen die aserbaidschanischen Truppen in der Bergregion auch strategisch wichtige Anhöhen ein. Kämpfer aus Bergkarabach versuchten den Angaben zufolge ohne Erfolg, die Stellungen wieder unter ihre Kontrolle zu bringen.

Nach Angaben aus Eriwan gab es auch Artilleriefeuer auf armenisches Staatsgebiet. Ein Kampfjet des Typs Suchoi-25 wurde abgeschossen. Der Pilot sei dabei getötet worden, hieß es. Armenien erklärte, dass ein türkisches F-16-Kampfflugzeug die Maschine mit Hilfe aus Aserbaidschan abgeschossen hätte. Dafür gab es aber keine Bestätigung, Aserbaidschan und die Türkei wiesen die Vorwürfe vehement zurück.

Schwerste Gefechte seit Jahren

Die von Armenien kontrollierte Region Bergkarabach gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet. Es wird heute von christlichen Karabach-Armeniern bewohnt. Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht, das dort Tausende Soldaten sowie viele Waffen stationiert hat. Das militärisch hochgerüstete Aserbaidschan hat die Türkei als Verbündeten.

Bei den jetzigen Kämpfen handelt sich um die schwersten Gefechte seit Jahren. Beide Länder haben den Kriegszustand verhängt. Die Streitkräfte der ölreichen Republik Aserbaidschan sind denen des verarmten Armenien um ein Vielfaches überlegen.

"Armenien schafft vor Ort Fakten"

"Der Hauptgrund, warum wir jetzt diese Auseinandersetzung haben, ist die wachsende Frustration der aserbaidschanischen Führung, dass alle internationalen Formate bislang keinerlei Lösung gebracht haben und dass Armenien vor Ort Fakten schafft", sagte Stefan Meister von der Heinrich-Böll-Stiftung auf tagesschau24. Armenien baue noch eine dritte Straße nach Bergkarabach und besiedele die Region mit armenischen Syrern und armenischen Libanesen. Diese zunehmende Integration Bergkarabachs in den armenischen Staat werde von der internationalen Gemeinschaft scheinbar ignoriert, so Meister.

Guterres und Merkel verlangen Waffenstillstand

UN-Generalsekretär António Guterres rief beide Seiten zum sofortigen Ende der Kämpfe auf. Guterres habe das dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev und dem armenischen Regierungschef Nikol Paschinjan per Video-Telefonschalte mitgeteilt, sagte ein UN-Sprecher in New York. Mehrere Mitglieder des UN-Sicherheitsrats beantragten, das Thema umgehend auf die Tagesordnung zu setzen. Die Initiative sei von Deutschland und Frankreich ausgegangen, hieß es aus Diplomatenkreisen. Sie werde von Belgien, Großbritannien und Estland unterstützt.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte Armenien und Aserbaidschan zum sofortigen Waffenstillstand auf. Dazu telefonierte Merkel mit dem armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan und dem aserbaidschanischen Staatschef Ilham Aliyev, wie Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilte. Die Kanzlerin habe deutlich gemacht, dass ein Waffenstillstand und Verhandlungen dringlich seien. Basis dafür könne die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. September 2020 um 14:00 Uhr.