Das Videostandbild zeigt aserbaidschanische Streitkräfte die ein Lager der armenischen Armee bei Kämpfen in der Konfliktregion Berg-Karabach angreifen. | dpa

Trotz internationaler Appelle Weitere Gefechte in Bergkarabach

Stand: 03.10.2020 16:07 Uhr

Bergkarabach kommt nicht zur Ruhe: Auch eine Woche nach einem Wiederaufflammen des Konflikts zwischen Armenien und Aserbaidschan gehen die Gefechte weiter. Armenien sprach von einem "großangelegten Angriff" aserbaidschanischer Truppen.

Trotz internationaler Appelle an die Konfliktparteien in Bergkarabach zur Beendigung der Gewalt sind die erbitterten Kämpfe um die Kaukasusregion fortgesetzt worden. Armenien und Aserbaidschan schieben sich gegenseitig die Verantwortung für die neuerliche Eskalation zu.

Das armenische Verteidigungsministerium sprach von "heftigen Gefechten" an der Frontlinie. Aserbaidschanische Truppen seien sowohl aus nördlicher als auch südlicher Richtung "mit starken Einheiten" vorgerückt, die Truppen der überwiegend armenischen Region Bergkarabach hätten den "großangelegten Angriff" der aserbaidschanischen Armee aber gestoppt.

Flugzeugabschuss?

An einer Stelle der Front sei die armenische Seite "zum Gegenangriff" übergegangen. Dabei seien drei Kampfflugzeuge der Aserbaidschaner abgeschossen worden. Die Angaben konnten von unabhängiger Seite nicht bestätigt werden, Aserbaidschan dementierte den Abschuss der Flugzeuge.

Nach armenischer Darstellung hat Aserbaidschan außerdem weitere Kräfte in das Konfliktgebiet hinzugezogen. Baku bestätigte dies zunächst nicht, das dortige Verteidigungsministerium teilte allerdings mit, die Stadt Terter und mehrere Dörfer auf eigenem Gebiet seien von gegnerischen Streitkräften beschossen worden.

Schüsse in Stepanakert

Am siebten Tag der Kämpfe waren erneut auch Schüsse in Stepanakert, der Hauptstadt der selbsternannten Republik Bergkarabach, zu hören, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Die Behörden in Bergkarabach sprachen davon, dass die "letzte Schlacht" für die Region begonnen habe.

Am Freitag hatte die Armee Aserbaidschans durch schweres Artilleriefeuer mehrere Gebäude in Stepanakert zerstört.

Kämpfe dauern bereits eine Woche an

Seit fast einer Woche liefern sich die beiden verfeindeten Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan schwere Gefechte in der selbsternannten Republik Bergkarabach. Die Kämpfe gehen weit über die Scharmützel hinaus, die es zuletzt immer wieder in der Region gab.

Ob es bei den erneuten Gefechten Opfer gab, war zunächst unklar. Bereits seit Beginn der Kämpfe am vergangenen Sonntag sind die Berichte über Opferzahlen unvollständig: Nach armenischen Angaben sind deutlich mehr als 200 Menschen getötet worden. Aserbaidschan zählte hingegen zuletzt nach eigenen Angaben nur 19 tote Zivilisten und 60 Verletzte.

Wenig Aussicht auf Verhandlungen

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev warf Armenien vor, die Verhandlungen über die Beilegung des Konflikts zu behindern. In einem Interview mit dem Fernsehsender Al Jazeera sagte er, dass der Rückzug der armenischen Streitkräfte aus den "besetzten Gebieten" seines Landes eine "Vorbedingung" für einen Waffenstillstand sei.

Erst am Donnerstag hatten die Präsidenten Russlands, der USA und Frankreichs in einer gemeinsamen Erklärung die militärische Gewalt in der Kaukasusregion verurteilt. Alle drei forderten von Armenien und Aserbaidschan die sofortige Einstellung der Kämpfe und die Einhaltung der Waffenruhe. Die verfeindeten Nachbarn sollten diplomatische Verhandlungen unter Vermittlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) aufnehmen, so der Appell.

Die beiden Ex-Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan kämpfen seit Jahrzehnten um die bergige Region, in der rund 145.000 Menschen leben. International wird die selbsternannte Republik Bergkarabach nicht anerkannt. Das Gebiet wird von Armenien kontrolliert, gehört aber völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren verlor Aserbaidschan die Kontrolle über die Region. Sie wird heute von christlichen Karabach-Armeniern bewohnt. Seit 1994 gilt eine brüchige Waffenruhe.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Oktober 2020 um 23:25 Uhr.