Ein Soldat in einem Panzerfahrzeug in Baku (Aserbaidschan) grüßt einen Passanten | REUTERS

Armenien und Aserbaidschan Mehrere Tote nach Gefechten um Bergkarabach

Stand: 28.09.2020 01:47 Uhr

Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach schwelt seit rund 30 Jahren - immer wieder eskaliert die Situation. Nach schweren Gefechten verhängten beide Länder das Kriegsrecht.

Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach hat es Behörden und Menschenrechtlern zufolge auf beiden Seiten Tote gegeben. Armenien verhängte Kriegsrecht und ordnete die Mobilmachung der männlichen Bevölkerung an, wie Ministerpräsident Nikol Paschinjan erklärte. Auch für einige Landesteile in Aserbaidschan gilt von Mitternacht an der Kriegszustand. Die gleichen Maßnahmen verkündete auch der Präsident der Region Bergkarabach, Arajik Harutjanjan.

Vorausgegangen waren schwere Gefechte, für die sich beide Seiten gegenseitig die Schuld gaben: Armenien warf Aserbaidschan vor, Bergkarabach aus der Luft und mit Artillerie beschossen zu haben. Die eigenen Truppen hätten daraufhin drei Panzer der gegnerischen Seite zerstört sowie zwei Hubschrauber und drei Drohnen abgeschossen. Aserbaidschan widersprach den Angaben und erklärte seinerseits, es habe auf einen armenischen Angriff reagiert. Man habe den Feind an der Front unter Kontrolle. Armenische Menschenrechtler erklärten, zwei Zivilisten - eine Frau und ein Kind - seien getötet worden. Die aserbaidschanische Regierung teilte mit, es seien mehrere Zivilisten umgekommen.

Der Vize-Armeechef von Bergkarabach, Artur Sarkisian, sagte, 16 Menschen und zwei Zivilisten seien getötet und mehr als 100 Menschen verwundet worden. Aserbaidschan teilte mit, dass es fünf Tote und Verletzte in den eigenen Reihen gebe. Armenien behauptete, dass 200 Soldaten auf der gegnerischen Seite getötet worden seien. Das bestätigte Baku jedoch nicht.

Karte: Aserbaidschan, Bergkarabach, Armenien

Armeniens Regierungschef warnt vor "umfassendem Krieg"

Ministerpräsident Paschinjan warnte vor einem militärischen Flächenbrand. Aserbaidschans "autoritäres Regime hat dem armenischen Volk erneut den Krieg erklärt", sagte Paschinjan im armenischen Fernsehen. "Wir stehen vor einem umfassenden Krieg im Südkaukasus", der für die Region und möglicherweise auch darüber hinaus "unabsehbare Folgen haben könnte". Aserbaidschans Verteidigungsministerium erklärte dagegen, die Armee habe eine "Gegenoffensive" gestartet, um "Armeniens Militäraktivitäten" in der Region zu stoppen und die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten.

Russland fordert sofortige Waffenruhe

Russland rief zu einer sofortigen Waffenruhe in der Region auf. Außenminister Sergej Lawrow führe intensive Gespräche, um die Konfliktparteien zur Einstellung des Feuers um die Konfliktregion zu bewegen, hieß es aus Moskau. Beide Länder müssten an den Verhandlungstisch zurückkehren. Russland vermittelt seit Jahren in dem Konflikt. Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht, Moskau hat dort Tausende Soldaten und Waffen stationiert.

Auch Deutschland und Frankreich riefen beide Länder zu einem Ende der Gewalt auf. Der Konflikt könne nur auf dem Verhandlungsweg gelöst werden, erklärte Bundesaußenminister Heiko Maas. Das Auswärtige Amt verwies in einem Reise- und Sicherheitshinweis darauf, dass "erneut Kampfhandlungen" im Gebiet zwischen der Region Bergkarabach und Aserbaidschan ausgebrochen seien: "Von Reisen in die Region und in das gesamte Grenzgebiet zu Aserbaidschan wird dringend abgeraten."

Das Auswärtige Amt erkennt die Region nicht als "Republik Bergkarabach" an und bezeichnet sie als "von armenischen Streitkräften besetzte Gebiete der Republik Aserbaidschan".

Die EU forderte ein sofortiges Ende aller Kampfhandlungen. EU-Ratspräsident Charles Michel erklärte, die Konfliktparteien müssten "umgehend an den Verhandlungstisch zurückkehren". Die Informationen über die jüngsten Kampfhandlungen seien Anlass zu "größter Besorgnis".

Menschen haben sich in Jerewan, Armenien, auf der Straße versammelt, um sich als Freiwillige registrieren zu lassen, nachdem Armenien eine Generalmobilmachung verkündet hat.  | REUTERS

Menschen haben sich in Armeniens Hauptstadt versammelt, um sich als Freiwillige registrieren zu lassen. Bild: REUTERS

Türkei macht Armenien verantwortlich

Die Türkei stellte sich umgehend an die Seite Aserbaidschans. Der Sprecher der Regierungspartei AKP, Ömer Celik, verurteilte per Twitter vehement "Armeniens Angriff auf Aserbaidschan". Das sei eine weitere armenische Provokation. Präsident Recep Tayyip Erdogan sicherte Aserbaidschan nach einem Telefonat mit Präsident Ilham Alijew "verstärkte" Solidarität seines Landes zu.

Konflikt seit 1991

Die von Armenien kontrollierte Region Bergkarabach gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. Der Konflikt um die Region entbrannte nach dem Ende der Sowjetunion 1991, in der Bergkarabach den Status einer autonomen Region der UdSSR innehatte. 1992 brach Krieg um das Gebiet aus, in dem in den folgenden zwei Jahren etwa 30.000 Menschen getötet und Hunderttausende Menschen vertrieben wurden. Aserbaidschan hatte damals die Kontrolle über das von christlichen Karabach-Armeniern bewohnte Gebiet verloren. Eine 1994 vereinbarte Waffenruhe wird bis heute immer wieder durchbrochen. Zuletzt flammte der Konflikt 2016 auf.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. September 2020 um 18:00 Uhr.