Zerstörte Häuser in der Region Bergkarabach | Bildquelle: ARD Moskau

Bergkarabach Leben mit dem Feind

Stand: 21.11.2020 06:13 Uhr

Armenische Bewohner Bergkarabachs kehren in ihre Häuser zurück. Ihr Leben ist nicht mehr dasselbe: Wenige Kilometer von Aserbaidschans Soldaten entfernt bleibt ihnen nur, sich auf russische Friedenstruppen zu verlassen.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau, z. Zt. Stepanakert

Wer die asphaltierte nördliche Gebirgsstraße von Armenien nach Stepanakert nimmt, bekommt ein Gefühl dafür, warum diesen Landstrich niemand so gerne hergeben will. Erst führt die Straße über einen Gebirgspass, dann im Tal am Fluss Lew entlang, wo sie sich durch enge Schluchten zwängt - so schön, als wäre man in den Alpen. Links taucht an einem Hügel das armenische Kloster Dadivank auf, bevor die Straße im weiteren Verlauf das Hochplateau der Hauptstadt Stepanakert erreicht, der mit rund 50.000 Einwohnern mit Abstand größten Stadt von Bergkarabach.

Bergige Landschaft in der Region Bergkarabach | Bildquelle: ARD Moskau
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Die Landschaft von Bergkarabach ist einzigartig.

Die Stadt ist vom Krieg getroffen: An einem Balkon hängen noch die Reste einer Rakete, einige andere Gebäude sind ebenfalls schwer getroffen, unbewohnbar, ohne Strom, ohne Gas. Viele andere Häuser stehen aber einfach leer: 100.000 Menschen sind aus Bergkarabach nach Armenien geflohen. Jetzt löst sich Stepanakert langsam aus ihrer Schockstarre.

Zerstörungen an einem Haus | Bildquelle: ARD Moskau
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Auf einem Balkon hängen die Reste eines Geschosses fest.

"Viele Söhne meiner Freundinnen wurden getötet"

An diesem Tag Mitte November kommen sechs Reisebusse mit Rückkehrern an. Auf dem zentralen Platz der Stadt betreten sie das erste Mal seit Wochen wieder den Boden ihrer Stadt. Mehr als Hundert Menschen mit großen kofferähnlichen Plastiktaschen. Fast überwiegend Frauen, manche mit kleinen Kindern.

Sechs Wochen lang ist Nairija Guljan nicht in ihrem Haus gewesen. Ihr Sohn hat die Kämpfe an der Front überlebt, aber so viel Glück haben die wenigsten in ihrem Bekanntenkreis. "Viele Söhne meiner Freundinnen wurden getötet, auch Verwandte von mir sind gestorben", erzählt Guljan. "Zwei junge Männer sind als Gefangene in Baku, 18 und 24 Jahre alt, beides Kinder meiner engsten Freundinnen."

Der Schrecken ist noch nah, manche hier können die Tränen nicht verdrücken, sie wollen eilig nach Hause. Denn aserbaidschanische Soldaten stehen jetzt keine zehn Kilometer entfernt, den Berg hinauf in Schuschi, das auf aserbaidschanisch "Şuşa" heißt.

2000 russische Soldaten sollen den Frieden sichern

Die Armenierin Narija Guljan wurde selbst in Aserbaidschans Hauptstadt Baku geboren: Doch nach Massakern, Vertreibungen und zwei großen Kriegen sind die Zeiten friedlicher Koexistenz lange vorbei. Das hört man auch in ihrer Wortwahl. "Wir werden jetzt leider von diesem barbarischen Volk umgeben leben müssen", sagt Guljan. "Aber ich denke, die russischen Friedenshüter sind nicht umsonst gekommen, sie werden uns Ruhe ermöglichen."

Rund 2000 russische Soldaten sind zur Friedenssicherung ins Land gekommen - Teil des russischen Waffenstillstandsplans, den Armenien und Aserbaidschan unterzeichnet haben. Den Menschen in Stepanakert geben die russischen Soldaten ein gewisses Gefühl der Sicherheit - auch wenn kaum jemand von einem dauerhaften Frieden ausgeht.

Frau vor einem unverputzten Haus in der Region Bergkarabach | Bildquelle: ARD Moskau
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Eine ältere Frau vor einem Fenster an einem Haus in Stepanakert.

Die russischen Soldaten haben sich kaum zwei Kilometer vom Zentrum Stepanakerts entfernt postiert. Eine Straße führt hier den Berg hinauf Richtung Schuschi. Wer sie weiterfahren möchte, muss durch mehrere russische Checkpoints hindurch. Russland will den sogenannten Latschin-Korridor sichern - die zukünftig einzige Straßenverbindung von Armenien nach Bergkarabach. Beide Gebiete sind sonst bald nicht mehr miteinander verbunden. Die Pufferzonen dazwischen, erobert durch Armenien in den Neunzigerjahren, gehen in diesen Wochen zurück an Aserbaidschan. Auch das ist Teil des Waffenstillstandsplans. Aserbaidschaner, die damals aus den Gebieten vertrieben wurden, hoffen jetzt auf eine Rückkehr.

Hunger, Kälte und die Angst vor Raketeneinschlägen

Der Bezirk Kalbajar, durch den die Straße mit der Schlucht und dem armenischen Kloster Dadivank führt, ist eine solche Pufferzone. Durch den Verlust dieses Gebiets wird die Reise für die Menschen aus Stepanakert langwieriger. Gayane Sahakjan zeigt den Keller in ihrem Mehrfamilienhaus, in dem sie 15 Tage während des Krieges verbracht hat. Es ist kalt und feucht. Die 84-Jährige erzählt von Hunger, Kälte und den ständigen Einschlägen von Raketen. "Wir haben uns sehr gefürchtet", sagt sie. "Wir haben hier gelebt und jeden Tag, jede Minute gedacht: Jetzt sterben wir. Bei mir zittert noch alles, es war schrecklich. Die wollten einen Genozid anrichten, das denke ich."

Das so schnell voranschreitende aserbaidschanische Militär kam den Armeniern unheimlich vor. Am Ende war Armenien Aserbaidschan militärisch hoffnungslos unterlegen - anders als im Krieg der 1990er-Jahre, den Armenien für sich entschieden hatte. "Wir haben diesen Krieg nicht erwartet", sagt Gayane Sahakjan. "1994 im Krieg haben unsere Soldaten noch mit Maschinengewehren gekämpft, aber jetzt nutzt der Feind Waffen mit großer Reichweite, und sogar Drohnen!"

Darauf war Armenien nicht vorbereitet. Auch im Restaurant "Samra" wurde der Keller zur zweiten Schlafstätte. Howig Asmarjan, ein aus Syrien stammender Armenier, verbrachte auf einer Matratze zwischen leeren Einmachgläsern viele Nächte im Oktober. Wann immer es ging, standen seine Frau und er in der Küche und kochten - kostenlos, für alle, die es brauchten.

Howig Gasparjan aus Bergkarabach | Bildquelle: ARD Moskau
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Howig Gasparjan hat während der Kämpfe Essen für Bedürftige gekocht und gespendet. Er ist enttäuscht über die geringe weltweite Solidarität mit Bergkarabachs Armeniern.

Enttäuschung über geringe internationale Solidarität

Die Armenier seien auf sich gestellt, habe er in diesen Wochen erfahren, sagt Asmarjan - und kritisiert die Haltung der Welt: "Die internationale Gemeinschaft war doch immer gegen viele Dinge, die hier passiert sind: Der Einsatz von Terroristen, Soldaten aus Drittstaaten, die Zerstörung von kulturellen Orten wie Kirchen oder das Töten von Zivilisten. All das ist passiert. Aber es gab keinerlei Reaktion der Internationalen Gemeinschaft."

Eine Enttäuschung, die man bei vielen Armeniern derzeit hört. Howig Gasparjan wünscht sich von anderen Staaten mindestens einen symbolischen Schritt. "Wenn sie schon nicht die Unabhängigkeit von Bergkarabach anerkennen wollen, dann sollen sie wenigstens das Recht der Armenier in Bergkarabach anerkennen, einen eigenen Staat, ein eigenes Leben zu haben."

Doch das Völkerrecht ist nicht auf Seite der Armenier: Laut internationalem Recht gehören ganz Bergkarabach sowie die angrenzenden Pufferzonen zu Aserbaidschan. Jetzt setzen die Menschen in Bergkarabach auf den letzten Verbündeten Russland. Der hat zwar erst mit vielen Wochen Verspätung in den Konflikt eingegriffen. Doch immerhin, so denken viele hier, ermöglicht er den Menschen erstmal die Rückkehr zu einem normalen Leben.

Gleichzeitig haben sie längst erkannt, dass ihre Region zum Spielball geworden ist - in einem geopolitischen Kräftemessen zwischen Russland und der Türkei. Denn ohne die Unterstützung Aserbaidschans durch die Türkei, so sind sie sich in Bergkarabach weitgehend einig, hätten die Armenier den Krieg gewonnen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. November 2020 um 12:00 Uhr.

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