Kämpfe um die Stadt Schuschi in Bergkarabach | Bildquelle: AP

Krieg in Bergkarabach Aserbaidschan verkündet wichtigen Sieg

Stand: 08.11.2020 13:34 Uhr

Aserbaidschans Präsident Alijew hat im Kampf um Bergkarabach die Einnahme einer strategisch wichtigen Stadt erklärt. Eine Wende in dem Konflikt? Tausende Armenier sind auf der Flucht.

Von Silvia Stöber, tagesschau. de, zzt. Jerewan

Nach fünf Wochen heftiger Kämpfe steht der Krieg um Bergkarabach an einem entscheidenden Punkt. Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew hat die Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Schuschi (aserbaidschanisch Schuscha) durch seine Truppen verkündet.

Die Stadt liegt an der Zufahrtsstraße in das Gebiet und zudem nahe der Hauptstadt Stepanakert. Von dort wäre es den aserbaidschanischen Truppen möglich, Bergkarabach weitgehend zu kontrollieren. Die Region gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan und wurde nach einem Krieg zu Beginn der 1990er-Jahre von Armenien kontrolliert.

In den vergangenen Tagen hatten sich die Kämpfe auf die Region um Schuschi konzentriert, nachdem aserbaidschanische Truppen von Süden her weit nach Bergkarabach vorgerückt waren. Ob Schuschi jedoch schon vollständig in aserbaidschanischer Hand liegt, ist noch unklar. In Berichten von armenischer Seite war von Kämpfen um und in der Stadt die Rede. Das Verteidigungsministerium in Jerewan teilte mit, es gebe "schwere und entscheidende Kämpfe um die Stadt Schuschi".

Die unterhalb gelegene Hauptstadt Stepanakert ist seit Wochen unter Raketenbeschuss. Etwa 90.000 Menschen flohen aus der Region nach Armenien. Die humanitäre Lage war angespannt, da Gas-, Strom- und Wasserlieferungen unterbrochen sind. Die Menschen harrten zum Schutz vor dem Beschuss in Kellern aus.

Zehntausende Flüchtlinge

Seit dem Morgen werden die verbliebenen Bewohner Stepanakerts, Journalisten und Soldaten evakuiert. Auf einem Video waren lange Schlangen von Fahrzeugen zu sehen, die auf einer nördlich gelegenen, unsicheren Straße in Richtung Armenien fuhren.

Die armenische Regierung, zivilgesellschaftliche Organisationen sowie Privatpersonen stellten den Geflohenen Unterkünfte zur Verfügung und versorgen sie mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Medikamenten und Kleidung, dies auch mit Hilfe von Ländern wie Frankreich und von Diaspora-Armeniern in Europa und Amerika. Die Lage in Armenien mit etwa drei Millionen Einwohnern ist angespannt angesichts der Corona-Pandemie. 640 schwer Erkrankte warten auf Aufnahme in die Krankenhäuser. Die wirtschaftliche Lage ist nach einem Lockdown im Frühjahr schwierig.

Die Stimmung in der Hauptstadt Jerewan ist angespannt und niedergeschlagen. Noch steht die Mehrheit der Bevölkerung hinter Premierminister Nikol Paschinjan, radikale Oppositionspolitiker finden wenig Anklang mit Forderungen nach Rücktritt der Regierung. Doch es gibt kritische Stimmen, die Paschinjan eine Mitverantwortung für die Eskalation geben.

Stadt von symbolischer Bedeutung

In Aserbaidschan feierten viele Menschen auf den Straßen und in den sozialen Netzwerken, nachdem Alijew die Einnahme von Schuschi verkündet hatte. Die Stadt ist von historischer, kultureller und politischer Bedeutung für Aserbaidschaner und Armenier. Lange lebten beide Völker dort gemeinsam, bis Anfang des 20. Jahrhunderts Pogrome gegen Armenier stattfanden. Im Krieg Anfang der 1990er-Jahre gelang armenischen Streitkräften nach langen Kämpfen die Einnahme der Stadt, was den Krieg zu ihren Gunsten vorantrieb. Die verbliebenen Aserbaidschaner mussten fliehen.

Junge Männer feiern die Verkündung der Einnahme von Schuschi durch den Präsidenten | Bildquelle: AFP
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Junge Männer in Baku feiern die Verkündung der Einnahme von Schuschi durch den Präsidenten.

Für Alijew ist die Verkündigung der Einnahme von Schuschi zu diesem Zeitpunkt innenpolitisch von großer Bedeutung. Morgen ist, "Flaggentag", ein politischer Feiertag. Die wirtschaftliche und soziale Lage ist auch in Aserbaidschan angespannt.

Zwar steht die Bevölkerung, auch die Opposition und Regierungskritiker, derzeit hinter dem Präsidenten. Doch der schnelle Vormarsch in Bergkarabach führte offenbar zu hohen Opferzahlen. Experten zufolge ist praktisch jede Familie betroffen.

Noch keine Entscheidung

Aus militärischen Gründen ist ein Einmarsch in Schuschi zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls von Bedeutung, da das Wetter noch klar und recht warm ist. In den kommenden Tagen soll es stark bewölkt sein, was unter anderem den Einsatz von Drohnen erschwert, die Aserbaidschan bislang in großer Zahl einsetzt.

Nach Einschätzung des Militärexperten Richard Giragosian in Jerewan ist noch nicht sicher, ob den aserbaidschanischen Truppen die Kontrolle über Bergkarabach gelingt. Armenische Truppen könnten sie in Schuschi einkesseln und die Versorgungswege abschneiden. Auch für die armenischen Soldaten und Einwohner in den verbliebenen Gebieten wird das Überwintern schwierig.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. November 2020 um 12:00 Uhr in den Nachrichten.

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Silvia Stöber, tagesschau.de

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