"Ordeeeer" | Bildquelle: AFP

Parlamentspräsident Bercow Ein letztes Mal "Ordeeer"

Stand: 30.10.2019 19:55 Uhr

Schrille Krawatten, dröhnende Stimme, hoher Unterhaltungswert: John Bercow war ein besonderer britischer Parlamentspräsident. An seinem letzten Arbeitstag kam die launigste Dankesrede von seinem zuletzt größten Widersacher.

John Bercow kämpfte mit den Tränen. Immer wieder ging sein Blick hinauf zur Tribüne, zu Ehefrau Sally und den drei Kindern. Er dankte ihnen und seinem Stab für ihre Unterstützung. Zuvor hatte er seine letzte Regierungsfragestunde geleitet, nach zehn Jahren als "Speaker of the House of Commons".

Der britische Parlamentspräsident hat sich mitten im Brexit-Streit nicht nur mit seiner markanten Stimme zur Kultfigur gemausert. Immer wieder hatte er die Pläne von Premier Johnson durchkreuzt, einen schnellen Brexit durchzuziehen, hatte Gesetze aus längst vergangenen Zeiten ausgegraben, die Geschäftsordnung trickreich ausgenutzt - und das alles mit einem Ziel: Die Rechte des Parlaments gegen die Regierung zu verteidigen.

"Mr. Speaker" verlässt seine Bühne
Morgenmagazin, 31.10.2019, Julie Kurz, ARD London

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Johnsons launiges Goodbye

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet sein zuletzt größter Widersacher, Premier Boris Johnson, am Mittwoch die launigste Abschiedsrede auf Bercow hielt. Er erinnerte an dessen Tennis-Karriere als Wimbledon-Spieler und sagte, Bercow habe in seinem grünen Sessel immer "wie ein Tennisschiedsrichter auf seinem Hochstuhl" gewirkt. Von da aus habe er die Ballwechsel der Parlamentarier verfolgt, mal ätzend, mal lobend kommentiert. Und er sei immer auch Spieler für die eigenen Rechte und Interessen gewesen, habe das Haus "mit seinen eigenen Gedanken und Meinungen beballert wie eine Tennisballmaschine, eine unkontrollierbare Tennisballmaschine, deren Aufschläge und Volleys praktisch nicht zu retournieren waren." Sowohl Johnson als auch kurz darauf Labour-Chef Corbyn dankten Bercow dafür, dass er das Parlament modernisiert und geöffnet habe. Und dass er sich immer, immer vor seine Abgeordneten gestellt habe.

An ihm schieden sich die Geister

Doch nicht alle waren Bercow-Fans. Während die einen seinen Kampf für die parlamentarischen Interessen und seine stets gelassene Art im Plenum lobten, sahen andere in ihm einen notorischen Europafreund, der sich nicht zu schade war, sogar eine mehr als 400 Jahre alte Regel herauszukramen, um eine Entscheidung zum Brexit-Abkommen der früheren Premierministerin Theresa May zu begründen. Dass er zuletzt so im Mittelpunkt stand, gefiel dem Exzentriker sichtlich.

Selbst wenn er in harte Auseinandersetzungen im Parlament eingriff, war immer noch ein verschmitztes Grinsen auf seinem Gesicht zu erkennen. Nur bei seiner Rücktrittsankündigung vor einigen Wochen wirkte er emotional: "Während meiner Zeit als Sprecher habe ich versucht, die relative Autorität des Parlaments zu erhöhen, wofür ich mich absolut bei niemandem, nirgendwo, zu keiner Zeit entschuldigen werde."

Tory mit Hang zum Partei-Rebellen

Schon als Kind las er Zeitung, kandidierte für das Schülerparlament und protestierte gegen das Schulessen. Die spätere Premierministerin Margaret Thatcher überzeugte den Jungen, den Konservativen beizutreten. Bercow entwickelte sich im Laufe der Zeit aber eher zum Partei-Rebellen, auch äußerlich. Neben seinem Redetalent fiel er auch durch schrille Krawatten auf. Auf die damals übliche Perücke des Präsidenten verzichtete Bercow.

Unterhaus in London | Bildquelle: AP
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Zehn Jahre Bercows Wirkungsstätte: Das britische Unterhaus.

Vorwürfe wegen aggressiven Verhaltens

Doch es gab auch immer wieder massive Vorwürfe von Ex-Mitarbeitern und Kollegen gegen den 56-Jährigen. Sein Ex-Privatsekretär Angus Sinclair etwa behauptete, Bercow habe ihn vor anderen Mitarbeitern angeschrien. Mehrere Parlamentarierinnen soll er beleidigt haben.

Das Parlament braucht jetzt einen neuen Präsidenten. Er übernimmt den Posten in stürmischen Zeiten. Bercow selbst beklagte zuletzt eine aufgeheizte Stimmung, gegenseitige Beschimpfungen und eine "toxische Atmosphäre" im britischen Parlament.

John-Bercan-Figur in Edenbridge | Bildquelle: REUTERS
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Ein elf Meter hohes Bildnis des bisherigen britischen Parlamentspräsidenten John Bercow wird am Samstag in Flammen aufgehen: Die Organisatoren der Bonfire-Gesellschaft im südenglischen Edenbridge gaben bekannt, dass die Wahl für das Opfer der traditionellen "Bonfire Night" bei ihnen diesmal auf den 56-jährigen "Speaker" im Unterhaus gefallen sei.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Oktober 2019 um 20:00 Uhr.

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