Die Klägerinnen sitzen auf Bänken in einem Prozess gegen den belgischen Staat. | AFP

Prozess gegen Belgien Kolonialverbrechen im Kongo vor Gericht

Stand: 14.10.2021 18:52 Uhr

Der belgische Staat steht vor Gericht, wegen Kolonialverbrechen im Kongo. Millionen Menschen kamen durch Ausbeutung und Folter ums Leben. Im aktuellen Fall klagen fünf Frauen.

Von Michael Schneider, ARD-Studio Brüssel

Ein bisschen verunsichert, aber auch stolz sitzen sie da beim Prozessauftakt in einem Brüsseler Gerichtssaal: Die fünf älteren Damen, auf die sich in Belgien gerade alle Aufmerksamkeit richtet. Denn was Noelle, Léa, Simone, Monique und Marie-José dem belgischen Staat vorwerfen, hat es in sich: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, damals in den Fünfziger- und Sechzigerjahren im belgischen Kongo.

Michael Schneider ARD-Studio Brüssel

"Wir waren Kinder der Sünde"

Alle fünf Frauen sind Métisses, Nachkommen kongolesischer Frauen und belgischer Siedler. Nicht ganz schwarz, nicht ganz weiß. Etwas, das es in der ehemaligen Kolonie nicht geben durfte. So berichtet es Léa Taveres im Fernsehsender RTBF. "Wir waren Kinder der Sünde. Denn Verbindungen zwischen Schwarzen und Weißen waren verboten. Und deshalb waren wir schlecht angesehen."

Belgien habe diese Kinder als Schandfleck gesehen, der von den Straßen verschwinden musste. Als junge Mädchen wurden die fünf deshalb ihren Müttern entrissen und in die Obhut des Staats gegeben, ohne weitere Erklärung. Sie kamen in Erziehungsheime, wie Tausende andere Métisse-Kinder, betreut von Missionaren.

In den Fängen kongolesischer Soldaten

Allein das sei eine inakzeptable Form der Freiheitsberaubung und der Rassentrennung, so sehen es die Klägerinnen. Aber es sei noch schlimmer gekommen. Nach der Unabhängigkeit des Kongo im Jahr 1960 seien die Geistlichen evakuiert worden. Die Kinder blieben allein zurück - und gerieten schutzlos in die Fänge kongolesischer Soldaten.

Monique Bitu Bingi berichtet: "Wir waren da zu ihrer Belustigung. Jeden Abend haben sie uns gezwungen, einen 'Film' zu drehen. Sie zogen uns aus, schoben unsere Beine auseinander, steckten Kerzen dazwischen. Jeden Abend. Wir konnten nicht mehr."

Auch dieser Missbrauch gehe zum Teil auf das Konto Belgiens, denn es habe sie und die anderen im Stich gelassen. Heute leben die Frauen in Europa, und in Brüssel wollen sie jetzt Gerechtigkeit erfahren. Es wäre das erste Mal, das Belgien wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen wird.

Der Staat sei eine Wiedergutmachung schuldig, sagt die Anwältin der Opfer Michèle Hirsch. Er müsse das Schicksal dieser Frauen und der vielen anderen berücksichtigen. Und anerkennen, welche Verbrechen Belgien während der Kolonialzeit begangen habe.

Ministerpräsident Michel bat 2019 um Entschuldigung

Schon jetzt haben die Klägerinnen erreicht, dass die Gräueltaten von damals ans Licht kommen und im Land diskutiert werden. Der damalige Ministerpräsident Charles Michel rang sich im Jahr 2019 zu einer ersten Entschuldigung durch. "Im Namen des belgischen Bundesstaates entschuldige ich mich bei den Métisses, die während der Kolonialzeit ihren Familien entrissen wurden, für die Ungerechtigkeit und das Leid, das sie erfahren haben."

Menschenrechtsverletzung amtlich machen

Doch das allein ist den fünf Klägerinnen in Brüssel nicht genug. Sie wollen jede 50.000 Euro Schmerzensgeld, vor allem aber Gerechtigkeit: Die Menschenrechtsverletzungen sollen amtlich werden. Nur eine Geste der Versöhnung reicht Léa Tavares nicht mehr aus. "Wenn du ein Verbrechen begehst, dann nimmt man dich fest. Warum? Weil du dafür büßen musst. Und auch dieses Verbrechen muss wiedergutgemacht werden. Für Verbrechen kann man sich nicht einfach entschuldigen. Nein. So läuft das nicht."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. Oktober 2021 um 10:10 Uhr.