Beschmiertes Denkmal von Belgiens König Leopold II. | Bildquelle: STEPHANIE LECOCQ/EPA-EFE/Shutter

Belgiens Kolonialgeschichte Ein König fällt in Ungnade

Stand: 12.06.2020 09:05 Uhr

In den USA stürzen steinernde Südstaatler, in Belgien geht es König Leopold II. an den Kragen: Die Anti-Rassismus-Proteste befeuern auch in Europa den Streit über den Umgang mit der Kolonialzeit.

Von Michael Schneider, ARD-Studio Brüssel

Das Standbild von König Leopold II. hat einen Ehrenplatz vor dem Königspalast in Brüssel. In diesen Tagen aber sieht der Herrscher ziemlich mitgenommen aus. "Pardon" hat jemand in großen weißen Buchstaben quer über seine Brust gepinselt. "Mörder" ist auf den Sockel der Statue gesprüht.

Nachwirkungen eines Wochenendes, welches ziemlich turbulent war. Zehntausende hatten am vergangenen Sonntag gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstriert. Dabei stürmte eine Gruppe auch die Statue, die kongolesische Flagge in der Hand. "Leopold, Mörder!", skandierte die Menge. Und: "Wiedergutmachung!".

Beschmierte Statue des belgischen Königs Leopold | Bildquelle: REUTERS
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Symbol für die blutige Vergangenheit Belgiens: Unter anderem in Brüssel wurde ein Denkmal von König Leopold II. beschmiert.

Unermessliche Brutalität im Kongo

Es geht um den Umgang Belgiens mit der eigenen Kolonialgeschichte. Im späten 19. Jahrhundert hatte das Land den Kongo besetzt. König Leopold II. verwaltete das riesige Gebiet als seinen Privatbesitz - und regierte mit brutalsten Methoden. Zwischen acht und zehn Millionen Kongolesen sollen unter seiner Schreckensherrschaft ums Leben gekommen sein, knapp die Hälfte der damaligen Bevölkerung.

Dieses dunkle Kapitel müsse Belgien endlich aufarbeiten, sagt Aktivistin Marie-Fidèle Dusingize im belgischen Rundfunk: "Es ist eine landesweite Bewegung, die da entsteht und die Gerechtigkeit für die afrikanischstämmigen Bürger fordert. Denn hinter diesen Symbolen steckt die koloniale Gewalt, die zur Misshandlung, Verstümmelung und zum Völkermord an Millionen Kongolesen geführt hat." Ziel sei nicht, Geschichte zu löschen, sondern anders an sie zu erinnern, so Dusingize. An der Universität Mons hat sie sich bereits erfolgreich dafür eingesetzt, dass eine Büste von Leopold II. entfernt wurde.

Mit Farbbeuteln gegen Statuen

Ähnliche Initiativen gibt es in diesen Tagen überall in Belgien. In Gent, Antwerpen oder Ostende wurden Statuen mit Farbbeuteln attackiert oder in Brand gesteckt. Einige sind bereits abgebaut. Auch Bibliotheken und Schulen lassen Bilder verschwinden.

Eine Petition, alle öffentlichen Standbilder abzubauen, hat innerhalb weniger Tage Zehntausende Unterschriften eingesammelt. Gestartet hat sie ein 14-jähriger Schüler, der anonym bleiben will.

Unter dem Namen Noah erklärt er im flämischen Rundfunk seine Beweggründe: "Ich will, dass sie verschwinden und irgendwann ersetzt werden durch andere Standbilder. Die Geschichte kann auf andere Art gezeigt und gelehrt werden." Insbesondere in der Schule werde über Leopold II und seine Kolonialherrschaft noch zu wenig beigebracht, sagt Noah. "Und Brüssel, als Hauptstadt Europas und Belgiens, muss ein anderes Vorbild geben." Weg mit der Verherrlichung im öffentlichen Raum, das ist das Ziel der Aktivisten.

Ein paar kritische Töne gibt es weiterhin

Doch es gibt auch kritische Stimmen. Etwa die des Bürgermeisters der kleinen Gemeinde Ekeren, wo ebenfalls eine Statue beschädigt wurde. Koen Palincx findet: Der Bildersturm gehe etwas zu weit.

"Die Deutung und auch kritische Auseinandersetzung mit umstrittenen Kunstwerken, die natürlich auch eine gewissen Vergangenheit haben, sollte doch in unserer heutigen Gesellschaft möglich sein. Denn wir werden die Vergangenheit ja nicht ändern und auch nicht auslöschen können."

Eine Meinung, die in Belgien aber kaum noch eine Mehrheit findet. Es scheint, als wolle das Land endlich mit der Vergangenheit aufräumen. Ein Zeichen dafür sendeten diese Woche auch die Bildungsminister: Die Kolonialgeschichte soll künftig ausführlich auf dem Lehrplan stehen. Zum ersten Mal in der Geschichte Belgiens.

Kritik an Belgiens Ex-König Leopold
Michael Schneider, SR Brüssel
12.06.2020 08:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 12. Juni 2020 um 03:23 Uhr.

Korrespondent

Michael Schneider | Bildquelle: Benjamin Morris, Saarländischer Rundfunk Logo SR

Michael Schneider, SR

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