Mehrere Studierende bilden eine Menschenkette während Protesten gegen Staatschef Lukaschenko in Minsk. | Bildquelle: AP

Belarus Demonstrieren statt studieren

Stand: 01.09.2020 21:22 Uhr

Statt in den Hörsälen findet man die Studierenden in Belarus derzeit auf den Straßen. Wieder wurden zahlreiche Demonstranten festgenommen. Staatschef Lukaschenko beschwört derweil den Bürgerkrieg herauf.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Das akademische Jahr begann für sie nicht im Hörsaal, sondern auf der Straße. Mehrere hundert Studierende folgten in der belarussischen Hauptstadt Minsk dem Aufruf der Opposition zum heutigen Generalstreik. Weiß-rot-weiße Fahnen schwenkend riefend sie: "Wir haben keine Angst!"

"Wir zeigen einfach, dass wir da sind. Die Studierenden sind mit dem Volk", sagt einer von ihnen. "Ich habe keine Angst vor Exmatrikulation oder anderen möglichen Repressionen im Zusammenhang mit meinem Studium. Mir ist wichtig, was mit unserem Land passiert."

alt Sicherheitskräfte versuchen einen Demonstranten in einen Gefangenentransporter zu zerren. | Bildquelle: AFP

Berichte über Folter in Belarus

Die Vereinten Nationen werfen der Führung in Belarus Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit den Festnahmen bei den Demonstrationen vor. Es gebe hunderte Berichte über Misshandlungen und Folter von oppositionellen Gefangenen, heißt es in einem UN-Bericht. Zu den Opfern zählten Frauen und Kinder. Teilweise habe es auch sexualisierte Gewalt gegeben. UN-Experten forderten die belarussischen Behörden auf, den Misshandlungen der Sicherheitskräfte Einhalt zu gebieten. „Niemand dürfe wegen der friedlichen Teilnahme an Demonstrationen strafrechtlich belangt werden“, hieß es in einer Erklärung. In den vergangenen Wochen sind nach UN-Angaben in Belarus 6700 Menschen im Zuge der Proteste festgenommen worden.

Ähnlich sehen es die anderen Demonstranten. "Wir haben etwas, wofür wir kämpfen", erklärt eine Studentin. "Wenn wir dafür festgenommen werden, dann war es uns das wert. Wir tun nichts Rechtswidriges."

Festnahmen gab es auch heute wieder, als die Demonstranten versuchten eine Menschenkette zu bilden. Es kam zu regelrechten Verfolgungsjagden zwischen den Studierenden und OMON-Spezialeinheiten. Aber auch Einzelpersonen fernab der großen Protestzüge wurden von Männern in Zivil auf der Straße festgenommen. Die Demonstranten nennen sie "Tichari" - die Stillen.

Trotz des Vorgehens der Sicherheitskräfte gingen auch am Abend wieder viele Menschen auf die Straße - in Minsk beteiligten sich mehrere Hundert Frauen an einem Protestmarsch.

Lukaschenko warnt vor Massaker an seinen Anhängern

Es sei für alle an der Zeit, wieder zur Arbeit zurückzukehren, erklärte Staatschef Alexander Lukaschenko bei seinem Besuch in der Stadt Baranowitschi, wo er an einer Berufsschule feierlich das neue Schuljahr eröffnete. "Ich möchte das schützen, was wir seit einem Vierteljahrhundert mit unseren eigenen Händen erschaffen", sagte er.

Aber Lukaschenko schlug auch härtere Töne an, unterstellte der Opposition ein Massaker anrichten zu wollen. "Wir haben dieses Land aus den Ruinen gezogen. Hinter mir stehen Tausende und Millionen Menschen. Ich weiß, wenn DIE an die Macht kommen, werden sie alles in Stücke reißen und anfangen, diese Menschen und ihre Kinder zu schlachten."

Opposition gründet neue Partei

Während Lukaschenko heute verbal erneut einen Bürgerkrieg heraufbeschwor, arbeitet die Demokratiebewegung an politischen Lösungen. Die Mitstreiterin von Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa, hatte bereits gestern angekündigt, eine neue Partei zu gründen. Der Name: "Wmestje" – Gemeinsam. Allerdings ohne Tichanowskaja, dafür aber mit Viktor Babariko, dessen Wahlstab Kolesnikowa geleitet hatte.

Babariko war im Juni wegen angeblicher Geldwäsche und Betrugs verhaftet worden und konnte deswegen nicht zur Wahl antreten. Tichanowskaja äußerte sich in einem schriftlichen Statement positiv über die geplante Parteigründung, wies aber deutlich darauf hin, dass es weiterhin die oberste Priorität der Oppositionsbewegung bleiben müsse, für faire und freie Neuwahlen im Land zu sorgen.

Belarus: Studentenproteste und weitere Festnahmen
Martha Wilczynski, ARD Moskau
01.09.2020 20:13 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 01. September 2020 um 18:30 Uhr.

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