Demonstranten ziehen gegen Präsidenten Alexander Lukaschenko durch die Straßen von Minsk | dpa

Staatskrise in Belarus Tausende beim "Marsch der Nachbarn"

Stand: 29.11.2020 19:53 Uhr

Keine Großdemo, dafür aber viele kleinere Protestzüge: Tausende sind in Belarus beim "Marsch der Nachbarn" gegen Machthaber Lukaschenko auf die Straße gegangen. Die Sicherheitskräfte reagierten einmal mehr mit Gewalt.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Erst waren es Dutzende, die sich am Mittag in den Höfen der belarusischen Städte versammelten und durch die Straßen ihres Viertels zogen. Dann wurden es Hunderte. In einigen Minsker Bezirken kamen Tausende zum "Marsch der Nachbarn" zusammen. Die Demokratiebewegung hatte landesweit zu den Demonstrationen aufgerufen.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

"Wir sind hier, damit unsere Kinder in einem freien Belarus leben können. Ich möchte, dass meine Tochter in dem Land, das ich liebe, frei sprechen, denken und leben darf", sagte eine Frau dem Reporter des Fernsehsenders Belsat, der trotz Netzabschaltungen und Repressionen gegen Journalisten live im Internet über die Proteste berichtete.

Er sei jeden Sonntag mit dabei, sagte ein junger Mann. Er mache dies auch für seine zwei kleinen Söhne. "Ich möchte, dass sich in diesem Land etwas grundlegend ändert, dass sie sich nicht daran erinnern, was jetzt passiert", sagte er. Es gebe inzwischen 30.000 Festnahmen. "Das ist vergleichbar mit dem Faschismus während des Krieges. Das ist für einen normalen Menschen unbegreiflich". So etwas müsse mit friedlichen Protesten bekämpft werden.

Lukaschenko in der Klemme?

Es war heute der 17. Protestsonntag in Folge. Wieder demonstrierten Tausende auf den Straßen gegen das Regime von Machthaber Alexander Lukaschenko. Sicherheitskräfte in voller Montur versuchten zum Teil mit Gewalt, den vielen Einzelaktionen Herr zu werden. Dabei wurde auch Tränengas eingesetzt. Es kam erneut zu willkürlichen Festnahmen. An die 200 wurden bis zum späten Nachmittag gemeldet. Tendenz steigend.

Vorbei an spielenden Kindern und ihren Familien patrouillierten Hundertschaften über Höfe, um Demonstranten zu jagen. Die versammelten sich zum Teil erneut, nachdem die Einsatzkräfte abgezogen waren.  

Auch wenn es nicht mehr Hunderttausende sind: Für die, die trotz Schneetreibens und Polizeiwillkür gekommen sind, ist es keine Frage, dass der Protest fortgesetzt muss - und Erfolg haben wird: Aus den Nachrichten, in denen der vermeintliche Präsident spricht, geht hervor, dass es ihm Angst macht. Das Regime, glaubt auch Pawel Latuschko, der für die Opposition spricht, könne mit dieser Art des Widerstandes nicht umgehen. Es wisse nicht mehr weiter.

Mahnungen aus Moskau

Auch aus Moskau scheint der Druck zu steigen, die Lage endlich in den Griff zu bekommen. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hatte bei einem Besuch in Minsk noch einmal betont, wie wichtig es sei, den Verfassungsreform-Prozess voranzutreiben. Die Reform hatte Präsident Lukaschenko ins Spiel gebracht. Er hatte eine Umverteilung der Macht in Aussicht gestellt. Voraussetzung dafür aber sei ein Ende der Proteste.

Darauf aber will sich die Demokratiebewegung nicht einlassen. Für sie ist es ein Spiel auf Zeit. Das Regime, sagt Lukaschenkos Herausforderin Swetlana Tichanowskaja, habe sein wahres, brutales Gesicht gezeigt. "Wir sind ein stolzes, mutiges, friedliches Volk, das den Preis der Freiheit nun kennt und das nie wieder zulassen wird, ohne sie zu leben", sagte sie. Eine Zukunft mit Präsident Lukaschenko ist für die Demokratiebewegung längst undenkbar geworden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. November 2020 um 18:09 Uhr.