Die belarusische Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch öffnet ihre Wohnungstür. | Bildquelle: dpa

Belarusische Nobelpreisträgerin "Die Straße ist das Volk"

Stand: 09.09.2020 19:09 Uhr

Sie ist das letzte Führungsmitglied des regierungskritischen Koordinierungsrates, das noch nicht festgenommen wurde: Literatur-Nobelpreisträgerin Alexijewitsch wirft dem belarusischen Regime Staatsterror vor.

Von Stephan Laack, WDR

Immer noch geht das Regime von Präsident Alexander Lukaschenko rigoros gegen die belarusische Opposition vor. Erst am Morgen wurde der Anwalt Maxim Snak von Maskierten festgenommen. Der Jurist gehörte zu den letzten Mitgliedern des Koordinierungsrates der belarusischen Demokratiebewegung, die noch auf freiem Fuß waren.

Bereits gestern sollte die oppositionelle Maria Kolesnikowa gewaltsam in die Ukraine abgeschoben werden, wogegen sie sich erfolgreich zur Wehr setzte. Sie war daraufhin ebenfalls festgenommen worden und befindet sich laut ihrem Vater jetzt in Minsk in Untersuchungshaft. Sie wird offiziell des Hochverrats verdächtigt. Ihr Anwalt teilte mit, dies sei Teil eines Strafverfahrens, in dem es auch um den Vorwurf der versuchten Machtübernahme gehe.

Nobelpreisträgerin verlangt von Lukaschenko Dialog

Übrig geblieben ist Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die sich aus Krankheitsgründen nicht aktiv an der Arbeit des Koordinierungsrates beteiligen kann. Sie war bereits im August von Ermittlern vernommen worden. Alexijewitsch verurteilte die Festnahme Snaks und rief Präsident Lukaschenko zum Dialog auf:

"Lukaschenko sagt, dass er nicht mit der Straße sprechen wird. Aber die Straße ist das Volk: Ärzte, Lehrer, IT-Spezialisten. Es sind Menschen aus allen Branchen der Gesellschaft. Diese Hochnäsigkeit der Macht führt zur Spaltung - und nicht die Leute auf der Straße mit Blumen und Ballons. Wie negativ man sie auch darstellen mag, dass sie angeblich Drogensüchtige seien, Mörder usw. - das funktioniert nicht, denn die ganze Welt sieht, was diese Leute für Gesichter haben und was sie sagen."

Die renommierte Schriftstellerin wies auch den Vorwurf zurück, Oppositionelle versuchten, Lukaschenko mit ausländischer Hilfe zu stürzen. Sie hätten keinen Putsch vorbereitet. Stattdessen habe man versucht, einen Riss durch die Gesellschaft in Belarus zu vermeiden. Lukaschenko warf sie vor, durch willkürliche Festnahmen und gewaltsame Abschiebungen Staatsterror zu betreiben.

Lukaschenko verurteilt "antibelarusisches Programm"

Der Präsident selbst hatte heute einen Auftritt im russischen Staatsfernsehen, das ein ausführliches Interview mit ihm ausstrahlte. Lukaschenko tat darin stellenweise so, als kenne er die Mitglieder des Koordinierungsrates gar nicht, ließ dann aber wieder durchblicken, dass er sie sehr wohl auf dem Schirm habe:

"Von dem sogenannten Koordinierungsrat habe ich zum ersten Mal vor etwa zwei Wochen gehört, kurz bevor sie ihr antirussisches Programm veröffentlichten. Dann haben sie es entfernt, weil sie die Reaktion unserer Bevölkerung gespürt haben. Das ist nicht bloß ein antirussisches, sondern auch ein antibelarusisches Programm gewesen."

Mögliche Neuwahl angedeutet

Lukaschenko stellte in dem Interview außerdem eine vorgezogene Neuwahl in Aussicht. Dies ist eine der Hauptforderungen des Koordinierungsrates. Er sagte:

"Ich schließe das nicht aus. Zu Fristen sage ich jetzt nichts. Man muss über eine neue Verfassung abstimmen, Kommunalwahlen abhalten. Wenn man eine neue Präsidentschaftswahl durchführen sollte, dann vielleicht doch früher als die Parlamentswahl."

Also übersetzt: irgendwann vor 2023. Die Opposition dürfte das kaum überzeugen - wer sollte schon bei Neuwahlen antreten, solange sich alle wichtigen Köpfe entweder in Haft oder im Ausland befinden.

Belarus - Nobelpreisträgerin Alexijewitsch fordert Dialog
Stephan Laack, WDR
09.09.2020 17:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 09. September 2020 um 20:17 Uhr.

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Stephan Laack, WDR

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