Demonstranten vor der US Botschaft in Vilnius. | AP

Belarusische Opposition in Litauen Die Exil-Gemeinde zeigt Flagge - trotz Angst

Stand: 29.05.2021 11:38 Uhr

Viele Exil-Belarusen in Litauen sind besorgt seit der Festnahme des Bloggers Protasewitsch und seiner Freundin Sapega. Sie protestieren täglich. Von der EU wünschen sie sich mehr als nur Statements.

Von Sofie Donges und Christian Blenker 

Die weiß-roten Farben der belarusischen Opposition sind in Litauens Hauptstadt Vilnius derzeit überall zu sehen. Die Exilgemeinschaft zeigt Flagge. Auch gegenüber der deutschen Botschaft in Vilnius fordern sie Sanktionen gegen das Lukaschenko-Regime.

Christian Blenker ARD-Studio Stockholm
Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Gerade einmal 30 Kilometer sind es von hier bis zur belarussischen Grenze. Litauen ist auch deshalb für große Teile der Opposition zu einer neuen Heimat geworden. Hier sind sie willkommen und können ihre Kritik an Lukaschenko frei äußern.

Trotzdem macht sich die 22-jährige Studentin Anastasija Sorgen:

Ich fühle mich hier sicherer als in meinem Heimatland. Nach den Festnahmen ist aber die Angst gestiegen. Ich wollte im Sommer reisen. Jetzt aber habe ich Angst.

Sorge um Sofia Sapega

Anastasija studiert Design an der European Humanities University in Vilnius. Hier hat auch Sofia Sapega studiert, die Freundin des Bloggers Roman Protasewitsch.

Über dem Eingang der Uni wehen drei Fahnen: die litauische, die europäische und die weiß-rot-weiße Fahne, die nach der Machtübernahme von Alexander Lukaschenko 1994 ein Symbol der Opposition wurde. Die Uni, einst in Minsk gegründet, musste auf Druck des Präsidenten schließen und fand in Vilnius eine neue Heimat.

"Freiheit für Roman Protasewitsch!" und "Freiheit für Sofia Sapega!" fordern zwei Protestplakate. | EPA

Zwei Plakate fordern Freiheit für Roman Protasewitsch und seine Lebensgefährtin Sofia Sapega bei einer Kundgebung in Riga. Bild: EPA

Sofia Sapega studierte hier internationales Recht und stand kurz vor ihrem Abschluss. Seit bekannt wurde, dass sie und ihr Freund, der Blogger Roman Protasewitsch, festgenommen wurden, ist die Unruhe unter den Studierenden in Vilnius größer als zuvor. Denn seit der Wahl im vergangenen Sommer in Belarus seien mehrere von ihnen inhaftiert worden.

Angst um Familie und Freund zuhause

"An unserer Uni sind sehr viele belarussische Studenten", sagt Tsimafei Misuikevich. Der 21-Jährige kommt ursprünglich aus Minsk und ist Vorsitzender des Studierenden-Vertretung. Eigentlich wollte er zu dem Interview noch Kommilitonen von Sofia Sapega mitbringen, doch die haben im letzten Moment abgesagt.

Ihre Verwandten und Eltern leben in Belarus, deshalb habe viele Angst, ihre Meinung zu äußern, weil es Auswirkungen auf ihre Verwandte und ihren Familienkreis haben kann." 

Über geheime Wege nach Litauen

Natalija Kolegova kennt diese Sorgen. Die Belarusin lebt schon seit über 15 Jahren in Litauen, arbeitet in der Immobilienbranche und ist Vorsitzende der Organisation "Dapamoga" - zu deutsch "Hilfe". Sie ist eine Anlaufstelle für geflüchtete Belarusen.

Kolegova vermittelt Unterkünfte und unterstützt die Menschen bei ihrem Neustart. Inzwischen sei sie vorsichtiger geworden und frage immer, woher Menschen ihren Kontakt haben, wenn sich wieder jemand meldet.

Gleichzeitig gebe es immer mehr zu tun: Die Zahl der Belarusen, die nach Litauen kommen, nehme ständig zu. Oft sei es nicht mehr möglich, ihnen vor der Einreise noch ein gültiges Visum zu besorgen. "Es gibt Situationen, in denen die Menschen erstmal in die Ukraine fahren und dann holen wir sie da ab", sagt sie.

Nun ist der Weg über die Ukraine offiziell gesperrt. Dann bleiben Waldwege über Russland und dann in die Ukraine. Und von da holen wir sie ab. Es gibt auch geheime Wege, die wir den Leuten empfehlen.

"Eine gewisse Frustration"

Mit den Protesten hofft die Opposition, auch den Druck auf die EU zu erhöhen. Bislang seien die Sanktionen gegenüber Belarus enttäuschend, findet Studenten-Vertreter Misuikevich. Er wünscht sich mehr Mut und härteres Durchgreifen, mehr Maßnahmen als bloße Statements. Unter den Kommilitonen stelle sich langsam eine gewisse Frustration ein.

Er hofft, dass Sofia Sapega bald wieder nach Vilnius zurückkehren und ihr Studium beenden darf. Das wird noch mindestens zwei Monate dauern, denn so lange soll sie nach Angaben ihres Anwalts in Minsk inhaftiert bleiben.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 29. Mai 2021 um 04:22 Uhr.