Die belarusischen Oppositionspolitiker Maria Kolesnikowa und Maxim Snak auf einer Demonstration Ende August in Minsk. | Bildquelle: dpa

Opposition in Belarus Kolesnikowa und Snak in U-Haft

Stand: 09.09.2020 20:50 Uhr

Den belarusischen Oppositionspolitikern Kolesnikowa und Snak droht ein Prozess. Beide sitzen in Minsk im Gefängnis. Ihre Mitstreiterin Tichanowskaja hat sich aus dem Exil an das russische Volk gewandt.

Den belarusischen Oppositionspolitikern Maria Kolesnikowa und Maxim Snak drohen in ihrer Heimat eine jahrelange Gefängnisstrafe. Beide befinden sich derzeit in einem Untersuchungsgefängnis in Minsk in Haft, teilte das zuständige Ermittlungskomitee mit.

Sowohl Kolesnikowa als auch Snak wird die Gefährdung der nationalen Sicherheit vorgeworfen, ebenso der Versuch, das Land destabilisieren zu wollen, hieß es von Behördenseite weiter. Sollten die beiden Oppositionellen dieser Anschuldigungen für schuldig befunden werden, könnten sie jeweils bis zu fünf Jahre ins Gefängnis müssen.

Vor der offiziellen Bestätigung durch das Ermittlungskomitee hatte bereits Kolesnikowas Familie bekannt gegeben, ihre Tochter sitze in Untersuchungshaft. Laut der Anwältin der 38-Jährigen wurden aber noch keine "Prozesshandlungen" gegen die Oppositionsführerin eingeleitet.

Sollte Kolesnikowa zur Ausreise gezwungen werden?

Kolesnikowa war nach Angaben der Opposition am Montag von Unbekannten in Minsk entführt worden. In der Nacht tauchte sie dann an der Grenze zur Ukraine wieder auf. Wie der Grenzschutz später bekannt gab, wurde Kolesnikowa dort festgenommen, weil sie sich unerlaubt in die Ukraine habe absetzen wollen.

Die Opposition hingegen beharrt darauf, dass Kolesnikowa gegen ihren Willen in das Nachbarland abgeschoben werden sollte und sich dagegen gewehrt habe. Sie habe aus Protest ihren Reisepass zerrissen und sei anschließend festgenommen worden. Kolesnikowa hatte wiederholt betont, Belarus nicht verlassen zu wollen.

Von Maskierten festgenommen

Der Oppositionsanwalt Snak war Aussagen der Opposition zufolge in den Morgenstunden von "maskierten Männern" festgenommen worden. Wie der Pressedienst des oppositionellen Koordinationsrates mitteilte, wollte Snak am Morgen an einer Videokonferenz teilnehmen, erschien aber nicht. Die Gruppe veröffentlichte ein Foto von Snak, wie er von maskierten Männern abgeführt wird.

Ein Anwalt des Oppositionellen teilte laut dem Nachrichtenportal "Sputnik Belarus" mit, Snaks Wohnung sei durchsucht worden. Die Agentur Interfax meldete, auch das Büro des inhaftierten Oppositionspolitikers Viktor Babariko werde durchsucht.

alt Swetlana Tichanowskaja.

Drei Fragen an Swetlana Tichanowskaja

Heute wurde in Belarus der Rechtsanwalt Maxim Snak festgenommen. Was denken Sie darüber?

"Das war zu erwarten, obwohl uns natürlich sehr beunruhigt, was dort alles durch die Repressionen geschieht. Aber wir werden weiter kämpfen. Wir werden weiterhin alle unterstützen, die sich zurzeit in Gefängnissen befinden, wir werden ihnen mit allen möglichen Mitteln helfen. Wir müssen einfach weiter machen, nur so können wir sie frei bekommen."

Was denken Sie über die Situation Ihrer Unterstützerin Maria Kolesnikowa?
"Wenn alles stimmt, was man über sie sagt, dann ist sie unsere Heldin. Denn wenn man den Pass zerreißt, um in Belarus zu bleiben, zahlt man dafür einen hohen Preis. Sie hat immer gesagt, dass sie unter keinen Umständen Belarus verlassen wird. Und sie hat ihr Wort gehalten. Sie ist jetzt noch dort - wir wissen nicht genau, wo und müssen einfach hoffen, weil die Belarusen an uns glauben."

Wollen Sie nach Belarus zurückkehren?
"Natürlich möchte ich nach Hause. Es ist doch meine Heimat. Ich träume davon, nach Minsk zurückzukehren. Sobald ich mich dort sicher fühlen kann, werde ich zurückgehen. Ich gehe auf jeden Fall zurück."

Swetlana Tichanowskaja ist belarusische Präsidentschaftskandidatin im Exil in Polen. Die Fragen stellte Olaf Bock, ARD-Studio Warschau.

Nur noch ein Mitglied des Koordinierungsrats frei

Nach der Festnahme Snaks ist nun nur noch eines der Mitglieder des Koordinierungsrates, der für einen friedlichen Machtwechsel in Belarus eintritt, auf freiem Fuß: die 72 Jahre alte Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch.

Tichanowskaja wirbt bei Russen um Unterstützung

Die belarusische Oppositionspolitikerin Swetlana Tichanowskaja, die bei der Wahl als Kandidatin angetreten war und nun im Exil in Litauen lebt, forderte die russische Bevölkerung auf, die Demokratiebewegung in ihrem Land zu unterstützen. Die Unwahrheiten der russischen Staatsmedien würden die Beziehungen der eng verbundenen Völker vergiften, sagte sie. Die russischen Medien sollten ehrlich darüber berichten, warum sich das belarusische Volk gegen Lukaschenko stelle.

Gleichzeitig betonte Tichanowskaja, Belarus könne sich nicht von Russland abwenden. Es werde "immer unser Nachbar bleiben, wir müssen ein gutes Verhältnis haben". Russland müsse aber, ebenso wie jedes andere Land, die Souveränität von Belarus anerkennen und dass der derzeitige Konflikt "eine innere, souveräne Angelegenheit ist", so Tichanowskaja weiter.

Der belarusische Staatschef Alexander Lukaschenko hatte sich nach der Präsidentenwahl vor gut vier Wochen mit mehr als 80 Prozent der Stimmen zum Sieger erklären lassen. Die Opposition hält dagegen die 37-jährige Tichanowskaja für die wahre Gewinnerin der Wahl. Seit dem 9. August gibt es täglich Proteste, bei denen die Sicherheitskräfte zeitweise brutal vorgingen. Allein gestern wurden nach Angaben des Innenministeriums 121 Menschen festgenommen.

Mit Informationen von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau

Belarus oder Weißrussland?

Der Staat "Republik Belarus" ist landläufig als Weißrussland bekannt - doch diese Übersetzung trügt. Der Name "Belarus" ist eine Referenz auf die Westliche Rus, ein Teilgebiet des mittelalterlichen slawischen Großreichs der Kiewer Rus.

Historisch überholte Bezeichnungen wie "Weißruthenien" in der Zeit des Nationalsozialismus und "Belarussische SSR" während der Sowjetunion sind für die 9,4 Millionen Einwohner des seit 1991 unabhängigen Staates schmerzhaft und erinnern sie an die leidvolle Zeit der Fremdherrschaft.

Sie bezeichnen ihr Land meist als Belarus und sich selbst als Belarusen, weil sie damit ihre Eigenständigkeit - insbesondere vom Nachbarstaat Russland - betonen. Auf diplomatischer Ebene wird der Name "Belarus" im deutschsprachigen Raum schon lange verwendet, auch das Auswärtige Amt spricht von der "Republik Belarus". Zunehmend gehen auch deutsche Nachrichtenmedien dazu über - und nennen die Einwohner konsequenterweise "Belarusen", nicht "Belarussen".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. September 2020 um 12:36 Uhr in der Sendung "Informationen am Mittag".

Darstellung: