Menschen platzieren Blumen | REUTERS

Nach Wahl in Belarus Proteste, Gedenken und eine Warnung

Stand: 15.08.2020 18:21 Uhr

Die Massendemos in Belarus dauern an - den sechsten Tag in Folge. Viele gedachten der Opfer der Proteste. Derweil warnte Staatschef Lukaschenko vor einem Umsturz und sucht den Schulterschluss mit Kremlchef Putin.

Knapp eine Woche nach der umstrittenen Präsidentenwahl in Belarus halten die Proteste gegen Staatschef Alexander Lukaschenko weiter an. Landesweit protestierten erneut Menschen gegen Gewalt und Willkür unter Lukaschenko. Zehntausende gingen auf die Straßen.

Gedenken an toten Demonstranten in Minsk

In der Hauptstadt Minsk kamen zahlreiche Menschen zu einer Trauerfeier zusammen. Sie erinnerten an einen Mann, der Anfang der Woche bei den Protesten unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen war. Nach Darstellung der Behörden soll in der Hand des 34-Jährigen ein Sprengsatz explodiert sein, den er auf Sicherheitskräfte habe werfen wollen. Angehörige des Mannes widersprechen dieser Darstellung.

Menschen knieten an der Unglücksstelle, legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Eine Frau sagte: "Ich kenne diesen jungen Mann nicht, aber er ist ein Held für mich. Ich möchte ihm danken." Sie ergänzte: "Wir sind für einen neuen Präsidenten und für friedliche Neuwahlen."

Im Zusammenhang mit den Protesten gegen Lukaschenko sind bislang zwei Menschen ums Leben gekommen. Die Polizei in der Stadt Gomel hatte am Mittwoch den Tod eines jungen Mannes bestätigt, der am Sonntag festgenommen worden war. Nach Aussagen der Mutter wollte der 25-Jährige, der eine Herzkrankheit gehabt habe, seine Freundin besuchen und war auf dem Weg dorthin in Polizeigewahrsam gekommen. Er kam dann in eine Klinik, wo er starb.

Lukaschenko warnt vor Umsturz

Derweil warnte Staatschef Lukaschenko angesichts der seit Tagen andauernden Massenproteste in seinem Land vor einem Umsturz. "Wir lesen bereits die Anleitungen für eine farbige Revolution", sagte er der Staatsagentur Belta zufolge. Es gebe bereits "Elemente äußerer Einmischung". "Wir sehen, was passiert. Wir dürfen uns nicht von den friedlichen Aktionen und Demonstrationen einlullen lassen", sagte Lukaschenko.

Mit "farbigen Revolutionen" meinte er die Umstürze in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken wie der Ukraine. Lukaschenko hatte bereits am Freitag das Ausland für die Proteste verantwortlich gemacht. Er zählte dabei die Niederlande, Polen, Russland und die Ukraine auf.

Der Agentur Belta sagte er weiter, keine ausländische Hilfe annehmen zu wollen, um die Krise in seinem Land beizulegen. "Wir brauchen keine ausländischen Regierungen, keine Vermittler."

Gespräch mit Putin

Lukaschenko telefonierte am Mittag mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin. Beide Seiten hätten sich zuversichtlich gezeigt, dass die Probleme bald gelöst würden, teilte der Kreml in Moskau danach mit. Diese Probleme sollten nicht von "destruktiven Kräften" ausgenutzt werden, um die Zusammenarbeit beider Länder zu beeinträchtigen, hieß es weiter.

Proteste, viele Festnahmen, Gewalt

Der seit 26 Jahren autoritär in Belarus regierende Lukaschenko war von den Behörden seines Landes zum Sieger der Präsidentenwahl vom vergangenen Sonntag erklärt worden. Die Opposition spricht jedoch von Wahlbetrug, seit Tagen fordern Zehntausende den Rücktritt Lukaschenkos. Die Polizei ging in den vergangenen Tagen gewaltsam gegen die Demonstranten vor.

Mindestens 6700 Menschen wurden bisher festgenommen. Zahlreiche inzwischen wieder freigelassene Demonstranten berichteten, dass sie in der Haft gefoltert und schwer misshandelt worden seien.

Belarus oder Weißrussland?

Der Staat "Republik Belarus" ist landläufig als Weißrussland bekannt - doch diese Übersetzung trügt. Der Name "Belarus" ist eine Referenz auf die Westliche Rus, ein Teilgebiet des mittelalterlichen slawischen Großreichs der Kiewer Rus.

Historisch überholte Bezeichnungen wie "Weißruthenien" in der Zeit des Nationalsozialismus und "Belarussische SSR" während der Sowjetunion sind für die 9,4 Millionen Einwohner des seit 1991 unabhängigen Staates schmerzhaft und erinnern sie an die leidvolle Zeit der Fremdherrschaft.

Sie bezeichnen ihr Land meist als Belarus und sich selbst als Belarusen, weil sie damit ihre Eigenständigkeit - insbesondere vom Nachbarstaat Russland - betonen. Auf diplomatischer Ebene wird der Name "Belarus" im deutschsprachigen Raum schon lange verwendet, auch das Auswärtige Amt spricht von der "Republik Belarus". Zunehmend gehen auch deutsche Nachrichtenmedien dazu über - und nennen die Einwohner konsequenterweise "Belarusen", nicht "Belarussen".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. August 2020 um 15:00 Uhr.