Soldaten stehen inmitten der Zerstörung nach der Explosion im Hafen von Beirut. | REUTERS

Nach der Explosion in Beirut Weitere Hilfen, weiterer Reformdruck

Stand: 06.08.2020 21:15 Uhr

Nach der Explosionskatastrophe in Beirut ist die Hilfsbereitschaft für den Libanon groß. Und Frankreichs Regierungschef sowie die EU-Spitzen rufen zu weiterer Unterstützung auf. Gleichzeitig wächst aber auch der Druck auf die Regierung.

Nach der verheerenden Explosion mit mehr als 130 Toten in Beirut hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine internationale Spendenkonferenz für den Libanon angekündigt. Bei der Konferenz solle es darum gehen, eine internationale Finanzierung für Medikamente, medizinische Behandlung oder Nahrungsmittel sicherzustellen. Dabei seien Europäer, Amerikaner und Länder der Region gefordert, sagte Macron bei einem Besuch der libanesischen Hauptstadt. Hier hatte er sich als erster ausländischer Staatschef ein Bild von der Zerstörung in Beirut gemacht.

Der Libanon war früher Teil des französischen Mandatsgebiets im Nahen Osten, die beiden Länder sind immer noch eng verbunden. Macron versprach, dass seine Regierung die Konferenz "in den kommenden Tagen" organisieren werde. Das eingesammelte Geld solle ohne Umwege den Menschen, den Hilfsorganisationen und den Einsatzkräften vor Ort zugute kommen.

Reformen gefordert

Gleichzeitig forderte der französische Präsident eine unabhängige Untersuchung der Katastrophe. Nötig sei eine "offene und transparente" internationale Untersuchung, sagte er. Nur so könne verhindert werden, dass "Dinge geheim gehalten werden" und Zweifel aufkommen.

Emmanuel Macron besucht die Unglücksstelle in Beirut | DALATI NOHRA HANDOUT/EPA-EFE/Shu

Frankreichs Präsident Macron besuchte die Unglücksstelle in Beirut. Als frühere Mandatsmacht ist Frankreich dem Libanon weiterhin eng verbunden. Bild: DALATI NOHRA HANDOUT/EPA-EFE/Shu

Mit deutlichen Worten rief Macron die libanesische Regierung zu Maßnahmen gegen die ausufernde Korruption im Land auf. Er sprach von einer "historischen Verantwortung" der Führung. Die "politische, moralische, wirtschaftliche und finanzielle Krise" müsse mit "extrem schnellen Reaktionen" bewältigt werden.

IWF: Hilfen gegen Reformen

Auch von anderer Seite wächst der Reformdruck auf die libanesische Regierung. So will auch der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Land nach der Katastrophe helfen - besteht aber im Gegenzug für ein Hilfspaket auf nötigen Wirtsschaftsreformen. Der IWF "prüft alle Möglichkeiten, dem libanesischen Volk zu helfen", erklärte die IWF-Chefin Kristalina Georgiewa. Infolge der Katastrophe sei es umso dringlicher, der "tiefen wirtschaftlichen und sozialen Krise" in dem Land zu begegnen.

Wegen einer Wirtschaftskrise war der Libanon bereits vor der verheerenden Explosion im Gespräch mit dem IWF für ein Rettungspaket, das vermutlich mehrere Milliarden Dollar umfassen würde. "Es ist entscheidend, die Sackgasse in den Diskussionen um wichtige Reformen zu überwinden und ein weitgehendes Paket zusammenzustellen, um die Wirtschaft wieder zu beleben", erklärte nun Georgiewa. Zudem müsse damit Transparenz und Vertrauen für die Zukunft der Wirtschaft des Landes geschaffen werden, erklärte Georgiewa.

Libanon - "Land von strategischer Bedeutung"

Um dem Libanon aber schnell und unmittelbar nach der Katastrophe zu helfen, haben auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel zu zusätzlicher Unterstützung aufgerufen. "Das dramatische Ereignis wird erhebliche wirtschaftliche Folgen für ein Land haben, das bereits zuvor vor vielen Herausforderungen stand, die durch die Covid-19-Pandemie noch einmal verschärft wurden", schrieben sie in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die anderen Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten.

Man müsse auch daran denken, dass der Libanon ein Land von strategischer Bedeutung sei, das die meisten Flüchtlinge pro Kopf aufnehme. "Wir haben ein gemeinsames Interesse daran, jetzt zu handeln, um die Folgen dieser Tragödie einzudämmen", schrieben von der Leyen und Michel. Um die Effizienz und schnelle Umsetzung von Hilfen zu gewährleisten, schlugen die EU-Spitzen vor, einen europäischen Koordinierungsmechanismus einzurichten. Man sei bereit, die möglichen Synergien sicherzustellen, heißt es in dem Brief.

Noch immer viele Vermisste

Unterdessen suchten Rettungshelfer weiter nach Überlebenden. Noch immer werden dem Roten Kreuz zufolge rund 100 Menschen vermisst. Auch die Hilfe Deutschlands und anderer Länder sowie internationaler Organisationen lief weiter an.

Die Weltgesundheitsorganisation brachte 20 Tonnen Hilfsgüter ins Land, um Hunderte Menschen mit Brand- und anderen Verletzungen zu versorgen. Die EU sagte Nothilfe in Höhe von mehr als 33 Millionen Euro zu, um etwa medizinische Ausrüstung zu finanzieren. Die USA drei Flugzeugladungen mit Essen, Wasser und medizinischem Material nach Beirut. Auch Israel, mit dem der Libanon keine diplomatischen Beziehungen pflegt, will bei der Versorgung von Opfern helfen.

Bei der Explosion am Dienstag waren nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 135 Menschen getötet und etwa 5000 verletzt worden. Teile der Stadt wurden zerstört. Fast 300.000 Menschen seien obdachlos, sagte der Gouverneur von Beirut, Marwan Abbud, dem saudischen Fernsehsender Al-Hadath. Zehntausende Menschen mussten bei Verwandten und Freunden einziehen. Dies und überfüllte Krankenhäuser und Blutspendestationen weckten Ängste vor einer verstärkten Ausbreitung des Coronavirus.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. August 2020 um 15:00 Uhr und um 20:00 Uhr.