Ein Mann geht über einen Berg mit Trümmern in Beirut | AP

Beirut nach Explosionen Noch viele Vermisste und offene Fragen

Stand: 06.08.2020 17:20 Uhr

In Beirut wird nach der Ursache der Katastrophe gesucht. Unter den mehr als 130 Toten ist auch eine deutsche Diplomatin. Frankreichs Staatschef Macron mahnte die Verantwortung der politischen Führung im Libanon an.

Nach der gewaltigen Explosion in Beirut mit 130 Toten und Tausenden Verletzten geht die Suche nach Opfern sowie nach der Ursache weiter. Eine Untersuchungskommission der Regierung soll innerhalb von fünf Tagen einen ersten Bericht vorlegen. Bei der Katastrophe wurde auch eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft getötet, wie Bundesaußenminister Heiko Maas mitteilte.

"Unsere schlimmste Befürchtung hat sich bestätigt. Eine Angehörige unserer Botschaft in Beirut ist durch die Folgen der Explosion in ihrer Wohnung ums Leben gekommen", erklärte er. "Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Auswärtigen Amts sind in tiefer Trauer um die Kollegin."

Noch immer viele Vermisste

Rettungshelfer suchten weiter nach Überlebenden. Noch immer werden dem Roten Kreuz zufolge rund 100 Menschen vermisst. Im Fokus der Ermittlungen steht die jahrelange Lagerung Tausender Tonnen hochexplosiven Ammoniumnitrats im Hafen, die explodiert sein sollen. Der Verdacht richtet sich dabei auf das unter moldauischer Flagge fahrende Frachtschiff "Rhosus", das 2013 große Mengen der gefährlichen Substanz in den Hafen gebracht haben soll.

Der frühere Besitzer des Schiffs wies jegliche Verantwortung zurück. Die libanesischen Behörden hätten der Besatzung 2013 die Weiterfahrt untersagt, die Ladung als gefährlich eingestuft und beschlagnahmt, sagte der russische Geschäftsmann Igor Gretschuschkin der Zeitung "Iswestija".

Wer ist für Schiff "Rhosus" verantwortlich?

Nach seiner Darstellung begründete der Libanon damals seine Entscheidung mit fehlenden Dokumenten. Zudem hätten die Behörden Bedenken beim Transport des Stoffes gehabt, sagte er. Er sei nach einer Strafzahlung bankrottgegangen und wisse nicht, wer anschließend für die "Rhosus" verantwortlich gewesen sei.

Das Schiff soll 2013 wegen technischer Probleme in den Hafen eingefahren sein, berichteten mit der Sache befasste Anwälte. Der Chef des libanesischen Zolls, Badri Daher, sagte dem Sender LBC, dass Beamte im Laufe der Jahre fünf oder sechs Briefe an die Justiz geschickt hätten mit der Bitte, das gefährliche Ammoniumnitrat zu beseitigen. Justiz und Hafenbehörde waren zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Macron vor Ort wütend beschimpft

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron sprach bei einem kurzfristigen Besuch in Beirut von einer "historischen Verantwortung" der politischen Führung. Das libanesische Volk sei Opfer einer "politischen, moralischen, wirtschaftlichen und finanziellen Krise". Macron traf unter anderem mit seinem Amtskollegen Michel Aoun zusammen, um Grundlagen für einen Wiederaufbauvertrag zu schaffen. Die frühere Mandatsmacht Frankreich ist dem Land weiterhin eng verbunden.

Macron wurde bei einer Tour durch ein zerstörtes Viertel teils wütend beschimpft. "Ihr seid alle Mörder", schrie eine Frau unter Tränen von einem Balkon. "Wo waren Sie, als diese Bomben im Hafen gelagert wurden?" Aoun wurde als "Terrorist" beschimpft. Ein Mann näherte sich Macron und rief: "Bitte helfen Sie uns."

Emmanuel Macron besucht die Unglücksstelle in Beirut | DALATI NOHRA HANDOUT/EPA-EFE/Shu

Frankreichs Präsident Macron besuchte die Unglücksstelle in Beirut. Als frühere Mandatsmacht ist Frankreich dem Libanon weiterhin eng verbunden. Bild: DALATI NOHRA HANDOUT/EPA-EFE/Shu

Hilfe auch aus Deutschland

Auch die Hilfe Deutschlands sowie anderer Länder und internationaler Organisationen lief weiter an. Die Weltgesundheitsorganisation brachte 20 Tonnen Hilfsgüter ins Land, um Hunderte Menschen mit Brand- und anderen Verletzungen zu versorgen. Die EU sagte Nothilfe in Höhe von mehr als 33 Millionen Euro zu, um etwa medizinische Ausrüstung zu finanzieren. Auch Israel, mit dem der Libanon keine diplomatischen Beziehungen pflegt, will bei der Versorgung von Opfern helfen.

Die Bundeswehr begann einen größer angelegten Hilfseinsatz. Die Luftwaffe sollte ein medizinisches Erkundungsteam der Streitkräfte nach Beirut fliegen, auch die Korvette "Ludwigshafen am Rhein" nahm von Zypern aus Kurs auf die Küstenstadt. Vom Technischen Hilfswerk brachen zwei Teams im Auftrag der Bundesregierung auf.

Angst vor Corona-Ausbreitung

Bei der Explosion am Dienstag waren nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 135 Menschen getötet und etwa 5000 verletzt worden. Teile der Stadt wurden zerstört. Fast 300.000 Menschen seien obdachlos, sagte der Gouverneur von Beirut, Marwan Abbud, dem saudischen Fernsehsender Al-Hadath. Zehntausende Menschen mussten bei Verwandten und Freunden einziehen. Dies und überfüllte Krankenhäuser und Blutspendestationen weckten Ängste vor einer verstärkten Ausbreitung des Coronavirus.

Der Libanon steckte schon vor der Explosion in einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise und stand am Rande eines Kollaps. Nach verbreiteter Auffassung sind die seit langem amtierenden Politiker hoffnungslos korrupt und außerstande, für grundlegende Dienstleistungen wie Stromversorgung und Müllabfuhr zu sorgen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. August 2020 um 15:00 Uhr.