Passanten in einer verkehrsberuhigten Zone Barcelonas | Bildquelle: ARD

"Superinseln" statt Autolärm Wie Barcelona den Verkehr reduziert

Stand: 12.11.2020 20:43 Uhr

Barcelona ist die Stadt mit der höchsten Fahrzeugdichte in Europa. Doch das könnte sich bald ändern. Verkehrsarme "Superinseln" sorgen für Ruhe - mitten in der Stadt.

Von Marc Dugge, ARD-Studio Madrid

Eine Straßenkreuzung im Viertel Sant Antoni in Barcelona am späten Nachmittag: Früher war zu dieser Uhrzeit Autolärm zu hören, heute sind es die Stimmen von Montse und ihren Freundinnen. Die älteren Damen sitzen auf Bänken und plaudern miteinander. In ihrem Stammcafé geht das derzeit nicht, Corona-bedingt: "Alles hat ja im Moment geschlossen. Wir sind Nachbarinnen, alle leben wir in der Nähe."

Montse findet die Idee mit den sogenannten Superinseln super. Eine "Superinsel" besteht aus mehreren anliegenden Häusern, die gemeinsam einen verkehrsberuhigten Block bilden. Nur Anwohner und Lieferwagen dürfen in diese Zonen einfahren - und das auch nur zu bestimmten Zeiten.

Blumenkästen und Sitzbänke statt Autos

Die "Superinsel" von Sant Antoni gibt es seit gut zwei Jahren. Wo früher Autos fuhren oder parkten, stehen jetzt Blumenkästen, Tische mit aufgemalten Schachbrettern und Sitzbänke. Der Asphalt ist mit Mustern in Gelb bemalt: Sie markieren Bereiche, in denen Kinder spielen können.

Xavi Matilla hat den Auftrag, weitere solcher Inseln zu erschaffen. Er ist Chefarchitekt der Stadtverwaltung von Barcelona. Ihm geht es dabei auch um ältere Menschen wie Montse: "Wir dürfen nicht vergessen, dass Barcelona schon jetzt viele ältere Mitbürger hat. In den kommenden Jahren werden es noch mehr sein. Um ihnen gerecht zu werden, muss sich der öffentliche Raum verändern und angenehmer werden."

"Raum ist für uns mit Gold kaum aufzuwiegen"

Angenehm heißt für Architekt Matilla: Ohne Verkehr. In der Metropolregion von Barcelona leben mehr als vier Millionen Menschen auf einer vergleichsweise kleinen Fläche von 600 Quadratkilometern. Ein großer Teil der Fläche ist bisher dem Autoverkehr gewidmet - Parkanlagen oder andere Grünflächen gibt es in Barcelona nur wenige. Die Luftverschmutzung ist hoch.

Die Stadtverwaltung will das ändern: Sie hat nicht nur Dutzende Straßen verkehrsberuhigt, sondern auch Bürgersteige verbreitert und Fahrradwege angelegt. Gleichzeitig setzt sie auf einen besseren öffentlichen Nahverkehr und auf Car- und Bikesharing. Verkehrsdezernentin Rosa Alarcón will vor allem eins: Platz für die Menschen. "In Barcelona haben wir eine Bevölkerungsdichte, die vergleichbar ist mit den Zentren von New York oder Kalkutta. Der Wert des öffentlichen Raumes ist für uns mit Gold kaum aufzuwiegen. Hier muss sich alles abspielen."

Die verkehrsberuhigten Zonen sind mit bunten Markierungen gekennzeichnet.
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Die verkehrsberuhigten Zonen sind mit bunten Markierungen gekennzeichnet.

Mehr Passanten, weniger Schadstoffe

Tatsächlich ist das Leben auf die Straßen von Sant Antoni zurückgekehrt: Die Zahl der Passanten hat sich laut der Stadtverwaltung innerhalb eines Jahres um fast ein Drittel erhöht. Gleichzeitig sei hier die Schadstoffbelastung in Sant Antoni um rund ein Drittel gesunken - und auch die Lärmbelastung deutlich zurückgegangen.

Eine Untersuchung des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" hat aber auch gezeigt, dass andere, nahe gelegene Straßen nun mehr Verkehr ertragen müssen. Allerdings halte sich die Belastung in Grenzen.

Das Viertel lebt

Die "Superinseln" sind in Barcelona aber nicht nur beliebt. Manche finden, dass etwa die grellen Muster auf dem Asphalt das Stadtbild verschandeln und ein Vergehen an der Schönheit Barcelonas sind. Und doch finden die Superinseln immer mehr Fans. Wohl auch deshalb, weil die Menschen zuletzt mitreden durften, wie die Zonen gestaltet sein sollen.

Anwohner Josep ist jedenfalls froh, dass die Stadt dem Auto den Kampf angesagt hat: "Das Auto sorgt für Probleme beim Zusammenleben, es ist für Schmutz und Lärm verantwortlich. Am Anfang haben viele Probleme gehabt, das zu verstehen. Aber mittlerweile haben die Menschen begriffen, dass sie mehr Nach- als Vorteile haben. Ich stehe da absolut dahinter." Die Stadt habe damit auch die Nachbarschaft gestärkt, sagt Josep.

Wenn sich nun die Anwohner auf der Straße treffen, Alte wie Junge, bleiben aber auch Reibereien nicht aus. "Manchmal steigen auch die Kinder hier auf die Bänke - mit Fahrrädern und Skateboards." sagt Montse. "Die mögen wir nicht, die Fahrräder", schimpft ihre Freundin. Ruhig ist es also nicht immer. Aber es gibt wieder Platz. Und das Viertel lebt.

Leben auf den Superinseln: Wie Barcelona den Verkehr reduziert
Marc Dugge, ARD Madrid
12.11.2020 20:54 Uhr

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