Suche nach Vermissten in Dhaka

Ermittlungen in Bangladeschs Hauptstadt Erste Festnahmen nach Fabrikeinsturz

Stand: 27.04.2013 09:26 Uhr

Nach dem Einsturz einer Fabrik in Bangladesch hat die Polizei zwei Textilmanager und zwei Ingenieure festgenommen. Den Managern droht eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung. Sie sollen die Angestellten zur Arbeit gezwungen haben, obwohl Risse im Gebäude zu sehen waren.

Kai Küstner

Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Gerade erst hatte Bangladeshs Premierministerin gelobt, die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen. Nun gibt es erste Festnahmen. Es handelt sich Polizeiangaben zufolge um Männer, die Textilfabriken in dem eingestürzten Gebäude betrieben.

Suche nach Vermissten in Dhaka

Verzweifelte Suche: Hunderte Menschen werden noch unter den Trümmern vermutet.

In Bangladesh ist mittlerweile Filmmaterial des achtstöckigen Hauses vom Mittwoch aufgetaucht: Es zeigt eindeutig Risse in den Wänden und Beton, der auf die Erde gerieselt ist. Und es zeigt, wie Polizisten die Schäden besichtigen. Für Kritiker ist klar: Der schlimmste Industrie-Unfall in der Geschichte des Landes hätte verhindert werden können. Doch den Warnungen, das Gebäude räumen zu lassen, seien die Verantwortlichen nicht nachgekommen.

Die Verzweiflung ist unbeschreiblich: Noch immer werden hunderte Menschen vermisst. Familien stehen mit Fotos ihrer Angehörigen in der Nähe des Unglücksortes, beknien die Rettungskräfte, doch bitte weiter zu suchen: "Ich möchte meine Schwester zurück haben, tot oder lebendig, bitte helft mir", fleht eine Frau.

Rettung nach drei Tagen

Nach dem Einsturz sind Rettungskräfte auch weiterhin bemüht, unter den Trümmern noch Überlebende zu finden. Und es geschehen Wunder: Obwohl die Katastrophe bereits am Mittwoch passiert war, konnten wieder mehrere Menschen gerettet werden. Helfer versuchen, durch Löcher in den Gebäuderesten die darunter Verschütteten mit Wasser und Sauerstoff zu versorgen.

Es ist es ein Wettlauf gegen die Zeit: Helfer tragen mittlerweile einen Mundschutz und benutzen Sprays, um den Verwesungsgeruch, der eingesetzt hat, ertragen zu können. Aber sie machen weiter.

Bilderstrecke

Fabrikeinsturz in Bangladesch (24.04.2013)

Tausende demonstrieren in Dhaka

In die Trauer mischt sich immer mehr Wut. Tausende Textilarbeiter strömten am Freitag auf die Straßen der Hauptstadt Dhaka. Einige von ihnen waren mit Schlagstöcken und Steinen bewaffnet. Die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein. Doch was gewalttätig und friedlich Demonstrierende eint, ist der Ärger darüber, dass es so etwas wie Sicherheit für sie am Arbeitsplatz nicht gibt. Die Wut auf die Fabrikbesitzer ist riesig, sie richtet sich aber auch gegen deren Auftraggeber: Niemand sollte nach dieser Katastrophe ungeschoren davon kommen, fordern die Protestierenden.

Kritik auch an Auftraggebern

Bangladesch ist der zweitgrößte Textilexporteur weltweit. 60 Prozent der Lieferungen gehen nach Europa. Es ist nicht das erste Mal, dass Forderungen laut werden, auch die westlichen Auftraggeber müssten endlich auf die Einhaltung von Sicherheitsstandards achten: Im November vergangenen Jahres kamen bei einem verheerenden Brand in einer Fabrik, ebenfalls in Dhaka, mehr als 100 Menschen ums Leben. Jedes Mal gebe es nach solchen Katastrophen viele Diskussionen und Zusagen - doch im Grunde ändere sich nichts, beklagen Kritiker.