Rohingya-Flüchtlinge warten nach ihrer Ankunft auf Helfer. | Webermann/ARD
Reportage

Rohingya in Bangladesch Es geht ums nackte Überleben

Stand: 30.11.2017 04:09 Uhr

Während seiner Bangladesch-Reise will Papst Franziskus auch mit Rohingya zusammentreffen, die aus Myanmar vertrieben wurden. Viele Flüchtlinge empfinden ihre Lage als aussichtslos - trotz der Zusicherung aus Myanmar, dass sie wieder zurückkehren dürften.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Sie sind in der Nacht gekommen. Mit Booten über den nahen Grenzfluss, der hier in Süd-Bangladesch ins Meer mündet. Rund 60 Flüchtlinge, Rohingya aus Myanmar, warten in dem Dörfchen Sabrang unter einem provisorischen Unterstand, unter ihnen viele Kinder und Frauen sowie ein paar junge Männer.

Jürgen Webermann ARD-Studio Neu-Delhi

"Wir haben unser letztes Geld zusammengekratzt, um den Bootsmann bezahlen zu können", berichtet der 23-jährige Anwar. "Wir mussten drei Tage lang auf der anderen Seite des Flusses warten, bis wir an der Reihe waren. Mit 300 Leuten sind wir aus unserem Dorf losgezogen. Die meisten sind noch drüben. Sie haben nicht genug Geld für das Boot zusammenbekommen."

Anwars Dorf stand noch, als er ging. Es wurde nicht niedergebrannt. Aber das Leben dort sei unerträglich geworden.

Ein in Bangladesch frisch eingetroffener Rohingya-Flüchtling. | Webermann/ARD

Rohingya Anwar ist gerade erst eingetroffen in Bangladesch. Bild: Webermann/ARD

"Weil wir noch nicht geflohen waren, verdächtigte uns die Armee, genügend Geld zum Leben dort zu haben", erzählt er. "Also nahmen sie uns Geld ab. Sie drohten uns. Wir durften nicht aus dem Haus. Die Armee forderte uns auf, unseren ganzen Besitz dem Staat zu geben. Da habe ich Angst bekommen."

Repressalien, Enteignungen, Verhaftungen

Anwar zeigt ein Blatt Papier, auf dem die Namen seiner Familie stehen. Es sei das einzige offizielle Dokument, das er jemals erhalten habe. Weil sie nicht als Bürger Myanmars anerkannt werden, haben sie keine Ausweise. Nur dieses eine Stück Papier. Anwars Nachbar Zafar erzählt, dass die Polizei in Myanmar gar nicht erst versucht habe, die Flüchtenden zu stoppen.

"Sie sagten nur: Verzieht Euch! Euer Land ist Bangladesch", berichtet er. "Als ich ihnen erklärte, dass ich aber in Myanmar aufgewachsen wäre und Myanmar deshalb mein Land sei, schlugen sie mich."

Auch Zafar berichtet von Repressalien im Dorf, von Enteignungen und willkürlichen Verhaftungen.

So langsam treffen Helfer ein. Auf ihren T-Shirts stehen die Namen ihrer Organisationen. "Ärzte ohne Grenzen", steht da und "Der Rote Halbmond", Mitarbeiter einer türkischen Organisation. Alle Flüchtlinge sollen unter anderem eine Cholera-Impfung erhalten. Drei Männer aus der Gegend verteilen Äpfel, Brote und etwas zu trinken. Soldaten sorgen dafür, dass alles ruhig abläuft.

Ein Mitarbeiter im Camp registriert die Neuankömmlinge. | Webermann/ARD

Ein Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" registriert die Neuankömmlinge. Bild: Webermann/ARD

Täglich kommen Hunderte über die Grenze

Von Sabrang aus werden die 60 Rohingya in eines der Lager ziehen, die in der tropischen Landschaft entstehen. Laut der Internationalen Organisation für Migration kommen derzeit täglich Hunderte Rohingya über den Grenzfluss, manchmal seien es auch Tausende.

In den Lagern geht es um das nackte Überleben. Eine Medizinerin der Organisation "Save The Children" untersucht in einer provisorischen Krankenstation ein dürres Kind, zwei Jahre ist es vielleicht alt. Auf der Haut haben sich Flecken gebildet.

"Er kann noch essen", sagt Rachel Pounds, die Nothelferin ist und solche Lager aus anderen Weltgegenden kennt. "Das ist gut. Wir können ihm proteinhaltige Nahrung geben, eine Art Erdnussbutter. Ihm geht es schlecht, aber wir konnten ihn noch gerade rechtzeitig behandeln."

Mehr als jedes dritte Kind unterernährt

Es sei täglich ein neuer Kampf für sie, fährt sie fort, weil hier so viele Menschen leben. Und es kommen immer mehr. "Wir würden gern alle versorgen. Wir haben jetzt fünf Ambulanzen, wir wollen neun bauen, aber wir brauchen eigentlich noch mehr."

Allein 375.000 Kinder leben laut Vereinten Nationen in den Lagern. Mehr als jedes dritte Kind sei unterernährt, berichtet die Ärztin. Krankheiten wie Masern breiten sich derzeit rasend schnell aus. Neben den Brunnen, die sie hier bauen, stehen Latrinen, es sei einfach nicht genug Platz da. Dazu, sagt Rachel, kommen die traumatischen Geschichten von Mord und Folter.

Zwei Männer bauen eine Latrine | Webermann/ARD

Im Lager bauen zwei Männer eine Latrine. Bild: Webermann/ARD

Fatema zum Beispiel steht vor ihrer Hütte am Hang. Ihren Mann hätten sie umgebracht. Sie muss drei Kinder durchbringen. Der Jüngste, Habib, ist sechs Jahre alt. Sayadur, ein Handwerker, erzählt, Soldaten hätten seine Schwester im Haus eingesperrt und es angezündet. Seinen Bruder hätten sie erschossen.

"Kann mir nicht vorstellen, dass die Folter aufhört"

Sayadur hämmert gerade an einem Gerüst für eine Latrine. Er geht davon aus, dass das Lager erst einmal sein neues Zuhause bleiben wird. Vom Papst und dessen Besuch in der Region hat er noch nie etwas gehört. Sehr wohl aber davon, dass Bangladesch und Myanmar über eine Rücknahme der Flüchtlinge sprechen.

"Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Folter daheim aufhört. Ich erlebe diese Schikanen jetzt seit 45 Jahren, seit meiner Kindheit. Ich würde nur zurückgehen, wenn das wirklich aufhört."

Zafar, der Neuankömmling, würde am liebsten jetzt wieder umkehren - zurück ins Dorf, aus dem er gerade geflohen ist. Aber die Regierung in Myanmar sei böse, sagt der 23-Jährige. Und fügt hinzu, dass er die Hoffnung, sein Heimatdorf jemals wieder sehen zu können, wohl irgendwann mit ins Grab nehmen wird.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. November 2017 um 12:16 Uhr.