Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze nahe Idomeni

Flüchtlinge können nicht mehr weiter Verzweiflung und Wut in Griechenland wachsen

Stand: 09.03.2016 15:37 Uhr

Für Flüchtlinge ist derzeit in Griechenland Endstation - nach Mazedonien ginge es nur mit gültigem Visum. In ihrer Verzweiflung demonstrierten heute in Athen Migranten für eine Öffnung der Grenze. Auf EU-Ebene gab es Lob und Tadel für die faktische Schließung der Balkanroute.

Nach der faktischen Abriegelung der Balkanroute haben in Athen Hunderte Flüchtlinge lautstark für die Wiederöffnung demonstriert. Sie riefen "Macht die Grenze auf" und "Wir sind auch Menschen", berichtete das griechische Fernsehen. Die Mehrzahl der Demonstranten sollen Afghanen gewesen sein, die im Gegensatz zu Syrern seit Wochen gar nicht mehr über die Grenze nach Mazedonien gelassen werden.

Dort sammeln sich trotz der Abriegelung der Grenze für Flüchtlinge immer mehr Menschen. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AP kampieren allein bei Idomeni etwa 14.000 Menschen. Die Agentur beruft sich auf Hilfsorganisationen. Heftiger Regen machte die Not der in Zelten oder unter freiem Himmel schlafenden Menschen noch schlimmer. Dennoch kamen heute Dutzende weitere Männer, Frauen und Kinder an. Idomeni war monatelang die Hauptdurchgangsstation der Flüchtlinge zur westlichen Balkanroute in Richtung Mitteleuropa. Inzwischen lässt Mazedonien nur noch Menschen mit gültigen Reisepässen und Visa passieren. Zuvor hatten bereits Slowenien, Kroatien und Serbien diese Regelungen erlassen.

36.000 Flüchtlinge in Griechenland - Tendenz steigend

Nach Schätzungen des griechischen Krisenstabs halten sich etwa 36.000 Flüchtlinge im Land auf. Die Zahl ändere sich stündlich, da immer mehr Menschen aus der Türkei ankämen, teilte das Gremium in Athen mit. Laut Krisenstab warten im Aufnahmelager von Idomeni ungefähr 8550 Migranten aus - also deutlich weniger als von den Hilfsorganisationen geschätzt. Zugleich befänden sich etwa 7300 Migranten auf den Inseln der Ostägäis sowie ungefähr 9400 in verschiedenen Lagern im Raum Athen.

Eine Frau geht durch den Schlamm an der griechisch-mazedonischen Grenze nahe Idomeni

Nahe Idomeni harren Tausende im Schlamm aus.

Die griechische Regierung sieht erste Hinweise, dass die NATO-Patrouillen in der Ägäis die Zahl der ankommenden Flüchtlinge verringern. Vizeverteidigungsminister Dimitris Vitsas sagte, der Einsatz erhöhe den Druck auf Schlepper. "Gestern hatten wir rund 700 Menschen", sagte Vitsas dem staatlichen Radiosender - in der Zeit davor waren es lange durchschnittlich 2000 Menschen täglich gewesen.

Bis zum 7. März haben in diesem Jahr mehr als 132.000 Menschen aus der Türkei auf die griechischen Inseln übergesetzt. Dies teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk mit. 38 Prozent davon waren demnach Kinder, 22 Prozent Frauen und 40 Prozent Männer.

Eine "gemeinsame Strategie" ...

Auf EU-Ebene hat die Schließung der Balkanroute unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Ratspräsident Donald Tusk begrüßte die Entscheidungen der Balkanstaaten. "Bei den irregulären Migrationsströmen entlang der Westbalkanroute ist das Ende erreicht", erklärte Tusk auf Twitter. Er danke den Ländern des Westbalkan dafür, die gemeinsame Strategie der EU in Teilen umzusetzen, um mit der Flüchtlingskrise umzugehen.

... oder eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit?

Komplett anders reagierte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. Angesprochen auf die Schließung der Grenzen sagte er im ARD-Mittagsmagazin: "Das macht mich nicht wütend, sondern ich bin verzweifelt. Wenn wir uns nicht an das halten, was wir vereinbart haben, verlieren wir in Europa jede Glaubwürdigkeit." Er appellierte an die Einzelstaaten, Flüchtlinge gerecht in Europa zu verteilen. "Kehrt endlich zu dem Prinzip zurück, dass Einigkeit stark macht! Wenn sich alle 28 Länder beteiligen, hätten wir keine Krise."

Österreich zieht Polizisten von Grenze ab

Angesichts der weitgehenden Schließung der Balkanroute zieht Österreich zahlreiche Polizisten von seiner Südgrenze ab. Noch diese Woche würden 200 aus anderen Bundesländern entsandte Beamte ihre Einsatzorte an der Grenze bis auf Weiteres wieder verlassen, teilte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) mit. Sie lobte das Vorgehen von Slowenien und Kroatien, die auch in Abstimmung mit Österreich ihre Grenzen für Flüchtlinge faktisch dicht gemacht haben. "Diese Allianz der Vernunft hat bisher den entscheidenden Beitrag dazu geleistet, Stabilität und Ordnung für die Menschen in Europa zu wahren."

Weil Slowenien, Kroatien, Serbien und nun auch Mazedonien seine Grenze für Flüchtlinge praktisch geschlossen haben, kommen kaum noch Menschen an der Südgrenze Österreichs an. Über die Balkanroute waren im vergangenen Jahr mehr als eine Million Menschen nach Westeuropa gekommen.

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KOMMENTARE

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warumeigentlichwer 09.03.2016 • 22:46 Uhr

Aggression

An die Kommentatoren hier und in den aehnlichen Threads: Wer die Aggression der Leute in einer solchen Lage nicht verstehen kann, darf nie nie wieder jegliche Aggressionen der "besorgten Buerger" relativieren. DAS ist Perspektivlosigkeit was die Fluechtlinge hier durchmachen und nicht was hier manche im warmen Sessel beklagen, die noch nie mit einem Fremden gesprochen haben. Perpektivlos bedeutet halt nicht, dass das Bier zu warm ist. Und ja - es sind Fluechtlinge, auch wenn diese "nur" vor bitterer Armut fliehen und sich ein besseres Leben erhoffen. Es ist ja richtig, dass wir nicht alle aufnehmen koennen, aber wir sollten zumindest alles tun was in unserer Macht steht. Gemeinsam mit Europa oder halt allein. Wenn selbst manche dt. Bundeslaender hier nicht mitziehen, dann braucht es aber auch nicht wundern, wenn wir diesen dann auch solidarische Strukturfoerderungen streichen. Wir reden hier von Menschen!!! Ich haette nie geglaubt, dass ich mal sagen werde: Danke, Frau Merkel!