Ein Schild  in Londonderry gegen eine Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland  | Bildquelle: dpa

Debatte über Brexit Harte Grenze, neue Gewalt?

Stand: 12.02.2019 09:17 Uhr

Am Backstop könnte ein geordneter Brexit am Ende scheitern. Im nordirischen Londonderry fürchtet man um den mühsam erreichten Frieden auf der irischen Insel - auch der Handel wäre betroffen

Von Christoph Heinzle, ARD-Studio London, zzt. Londonderry

Die Peace Bridge im nordirischen Londonderry zwischen der protestantischen und der katholischen Seite ist ein Symbol für den Fortschritt seit Ende des Nordirlandkonflikts. Jimmy Brewer überquert sie fast täglich. Auf den Umgang Londons mit dem Brexit angesprochen, packt den 66-Jährigen die Wut.

"Sie haben keine Ahnung. Ihnen ist nicht bewusst, wie wichtig diese Frage für die irische Insel ist. Sie haben keine Ahnung, welche Konsequenzen eine harte Grenze hätte."

Harte Grenze könnte beide Seiten zurückwerfen

Heute ist die Grenze zwischen Nordirland und Irland praktisch unsichtbar. Das ist die Grundlage des Aufschwungs der früher wirtschaftlich rückständigen Region. Eine harte Grenze würde beide Seiten zurückwerfen, ist Toni Forrester, die Chefin der Handelskammer im nahe gelegenen irischen Letterkenny überzeugt. Es gäbe Verzögerungen durch Kontrollen und höhere Kosten:

"Die Zölle könnten für einige Branchen das Aus bedeuten. Mit den Zöllen für Fleisch und Milch etwa, könnten Produkte 40 Prozent teurer werden. Es würden Einfuhr- und Ausfuhrzölle nach WTO-Regeln anfallen. Viele Unternehmen sind darauf nicht vorbereitet. Und gerade viele der kleineren haben nicht die Mittel dafür."

 Die Grenze müsse offen bleiben, sagt Forrester. Zur Not eben auch mit der Auffanglösung, dem Backstop.

Rückendeckung von Sinn Fein-Abgeordneter

Unterstützung auch auf der nordirischen Seite, bei den Nationalisten der Partei Sinn Fein, die wirklich keine Freunde der Premierministerin sind . Und doch gibt die Abgeordnete Elisha McCallion dem mit der EU ausgehandelten Backstop Rückendeckung. Der Schutz der irischen Interessen stelle ein absolutes Minimum dar, so McCallion, sei aber essentiell.

Dieser Zuspruch hilft May allerdings nicht, weil Sinn-Fein-Abgeordnete im Unterhaus nicht abstimmen - und den eigentlichen Unterstützern Mays, der nordirischen DUP, der Kompromiss bereits zu weit geht. Eine verfahrene Situation, in der immer öfter auch über eine mögliche Abspaltung Nordirlands gesprochen wird.

"Jetzt, da wir einem harten Brexit immer näher kommen, diskutieren natürlich viele Leute, welcher Union sie angehören wollen. Großbritannien mit vielen Unsicherheiten, Problemen und Grenzen?", sagt Elisha McCallion weiter: "Oder will man ein Referendum für eine Vereinigung mit der Republik Irland, womit dann der Norden automatisch Teil der EU würde?"

Die nordirische Stadt Londonderry | Bildquelle: dpa
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Die nordirische Stadt Londonderry: Die Menschen an der nordirisch-irischen Grenzen wollen kein Zurück zu Konflikt und Wirtschaftsflaute

Neue Kontrollen könnten Gewalt provozieren

Das mag unrealistisch sein, macht aber klar: Es geht um mehr als um Handel. Es geht auch um den mühsam durch das Karfreitagsabkommen erreichten Frieden. Neue Grenzkontrollen könnten neue Gewalt provozieren, fürchtet Eamonn O‘Ciardha, Historiker an der Ulster University in Londonderry.

"Das britische Volk hat gesprochen und wir müssen das Ergebnis des Referendums akzeptieren. Das Volk muss gleichzeitig aber akzeptieren, dass Nordirland und Irland mit großer Mehrheit für das Karfreitagsabkommen gestimmt haben und damit für eine offene Grenze. Das ist sozusagen die irische Kartoffel im Brexit-Eintopf. "

O’Ciardha teilt das Entsetzen, dass sechs Wochen vor dem Brexit keine Einigung in Sicht ist. Keiner wolle einen harten Brexit. Aber damals auf der Titanic habe auch niemand einen Zusammenstoß mit dem Eisberg gewollt.

 Doch irgendwann, sagt O‘Ciardha, könne man ein großes Schiff nicht mehr stoppen oder wenden.

Londonderry: Debatte über Backstop und harten Brexit
Christoph Heinzle, NDR
12.02.2019 06:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Februar 2019 um 23:32 Uhr.

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