Küste mit Holzweg auf den Azoren. | Oliver Neuroth

Azoren-Inseln Wo Wind und Regen die Hauptrollen spielen

Stand: 18.08.2021 14:02 Uhr

Die meisten kennen die Azoren aus dem Wetterbericht: Das gleichnamige Hoch sorgt meist für Sonnenschein in Mitteleuropa. Doch die Wetterverhältnisse auf den Inseln selbst sind eine Herausforderung.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Für Surfer sind die Azoren ein Paradies. An der Nordküste von São Miguel liegt eine Surferbucht neben der anderen. Riesige Wellen rollen auf die Strände zu, angepeitscht durch den Wind. Die Surfbedingungen gelten auf den Azoren als perfekt: Es gibt Buchten in alle Himmelsrichtungen - je nachdem, wie der Wind steht, können sich Surfer den gerade idealen Ort auswählen.

Oliver Neuroth ARD-Studio Madrid

Laurence aus Luzern in der Schweiz steht mit drei Freunden an der Küste bei Santa Bárbara und schaut gespannt auf das Meer; er hat schon seinen Neoprenanzug an und das Surfbrett unterm Arm.

Für ihn ist Surfen auf den Azoren eine Premiere. "Ich habe irgendwo online ein Video gesehen. Ich weiß nicht mehr von wem. Und der meinte, man sollte sich mal die Azoren anschauen. Dann habe ich das gegoogelt. Und die Bilder sahen supercool aus. Und dann haben wir uns ziemlich schnell entschieden, hierhin zu kommen."

Ohne den Wind, der für die Surfer so wichtig ist, wären wohl auch nicht so viele Segler auf den Azoren. Robin Kenny zum Beispiel. Der Brite ist professioneller Segler und überführt Segelschiffe quer über die Weltmeere. Heute ist es eine Zwölf-Meter-Yacht, die Robin mit seinem Team von der Karibikinsel St. Lucia nach England bringt.

Klassischer Zwischenstopp

Die Azoren sind ein klassischer Zwischenstopp. Bis hierher hat die Crew 17 Tage gebraucht. Kenny sagt: "Es ging ganz gut los, doch dann kamen wir in einen Sturm mit kräftig Gegenwind, was uns natürlich ganz schön gebremst hat. Wir hätten es vielleicht in 15 Tagen geschafft, aber 17 ist auch noch gut."

Ein Küstenabschnitt in der Abendsonne, Faial/Azoren. | Oliver Neuroth

Ein Küstenabschnitt in der Abendsonne bei Faial Bild: Oliver Neuroth

Zwölf Tage sind es noch bis zum englischen Brighton. Aber erst einmal stehen ein paar Ruhetage auf der Azoren-Insel Faial an. "Die Insel liegt quasi auf unserer Route, der Wind weht einen immer hierher. Ein Halt ergibt also absolut Sinn, auch um unsere Wassertanks aufzufüllen, frisches Essen an Bord zu laden und nachzutanken", so Kenny. "Außerdem kann man hier Teile vom Schiff reparieren lassen, die eventuell kaputt gegangen sind auf der Überfahrt."

Nicht mit dem Schiff, sondern mit einem kleinen Propellerflugzeug geht es knapp 250 Kilometer Richtung Nordwesten - auf die Azoren-Insel Corvo. Sie liegt schon auf der nordamerikanischen Erdplatte, drumherum nur Wasser. Bei solch einer ungeschützten Lage ist der Wind besonders kräftig. Und der Anflug sehr wackelig.

Flughafenchef lotst Maschinen selbst

Nach dem Aufsetzen folgt eine Vollbremsung. Denn die Piste ist nur 800 Meter lang. Flughafenchef Marco da Silva steht persönlich auf dem Rollfeld und lotst die gelandete Maschine zur Parkposition vor dem Terminal, das eher die Größe eines Bushaltestellenhäuschens hat.

"Der Flughafen ist für Corvo sehr wichtig. Denn selbst wenn ein starker Wind weht, können Flugzeuge in der Regel starten und landen. Auf dem Meer sieht das anders aus: Bei hohem Wellengang können keine Schiffe fahren. Wir sind schließlich in der Mitte des Atlantiks", so da Silva. "Gerade im Winter ist das Meer wild. Manchmal kann ein Monat lang kein Schiff bei uns an- oder ablegen."

Marco da Silva auf den Flughafen von Corvo, Azoren | Oliver Neuroth

Flughafenchef Marco da Silva Bild: Oliver Neuroth

Marco hat auch schon so schlechtes Wetter erlebt, dass fünf Tage lang kein Flugzeug starten oder landen konnte. Die Menschen auf Corvo sind dann komplett von der Außenwelt abgeschnitten. "Darauf muss man sich vorbereiten, auch psychisch, und zu Hause alles Notwendige vorrätig haben. Der Flughafen stellt so etwas wie die Infrastruktur zum Überleben dar."

Denn auch Lebensmittel und die Post kommen mit dem Flugzeug auf die Insel. Im Winter drei Mal pro Woche, im Sommer fünf Mal. Normalerweise. Denn auf den Azoren hängt so gut wie alles ab vom Wind.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. August 2021 um 18:40 Uhr.