Von Dürre gezeichnetes Feld mit Windrad in Booligal (Australien) | Bildquelle: AFP

Australien leidet unter Dürre An der Belastungsgrenze

Stand: 07.02.2019 17:51 Uhr

Weite Teile Australiens leiden seit fünf Jahren unter Dürre. Viele Farmer kämpfen um ihre Existenz und verzweifeln. Rund um die Farmen setzt man auf Selbsthilfe.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Die Rettung der Farmer wird beim Kaffee organisiert. Die Damen der Country Women’s Association (CWA), also des Landfrauenverbandes, sitzen zusammen im Feathers Café in Coonnabarabran, sieben Stunden Fahrt von Sydney, im Landesinneren. Fay Chapman packt einen Brief aus. "Vielen Dank für eure Hilfe", steht da, "den Fresskorb, die Einkäufe, und alles andere - das wissen wir sehr zu schätzen. Gott schütze euch!"

Farmer, die Fresskörbe brauchen? Wirkt verwunderlich. Aber natürlich, nicken die Landfrauen. Wenn man kein Geld habe, müsse man ja doch irgendetwas essen, sagen sie. Und da setzt ihre Hilfsaktion an.

Die Landfrauen sammeln Spenden, Lebensmittel oder Geld, verteilen Einkaufsguthaben, einen Gutschein für einen Haarschnitt oder einfach für eine Tasse Kaffee - Dinge, die sich die Farmersfrauen sonst nicht mehr leisten können. Weil sie nur um eines kämpfen: ums Überleben. Und sie betreiben eine Art Tafel für die Farmer. Hier gibt es Mineralwasser, Kartoffeln, Konserven, Frühstücksflocken, H-Milch, Obst, Duschgel, Zahnpasta, Damenbinden - alles umsonst

Das hilft, um durchzuhalten, berichtet Kay Jordan. Aber das wichtigste sei Wasser. "Wir müssen unser Vieh tränken. Aber alle Staudämme und Wasserlöcher sind trocken. Wir verkaufen Vieh, um den Rest durchzubringen, wir machen Schulden, damit wir sie füttern können. Aber ohne Wasser ..."

Von Dürre gezeichnetes Feld in der Gegend von Coonnabarabran (Australien)
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Fast alles von der Sonne verbrannt: Die Felder in der Gegend von Coonnabarabran haben schon lange keinen Regen mehr bekommen.

Futter und Wasser zehren das Ersparte auf

Auf den Feldern wächst nichts, brauner Staub weht dort, wo sich vor einigen Jahren volle Ähren im Wind wiegten, Schafe knabbern hartnäckig an der trockenen Grasnarbe herum, Kühe scharen sich um den einzigen Baum, der in der Gluthitze von 40 Grad Schatten spendet. Mit Wassertanks und Haferstrohballen sind die Farmer täglich unterwegs, Tausende von Dollar wenden sie für Futter und Wasser auf. Wer es sich leisten kann, investiert in einen Brunnen, der die unterirdischen natürlichen Wasserspeicher anzapft. Wer sich das nicht leisten kann, dem bleibt die Hoffnung, dass es eines Tages doch regnen wird.

Farmer in Australien
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Farmer Marty Wilkin hatte früher 2000 Schafe - jetzt sind es nur noch 1000.

Kay Jordan klingt beschwörend und sachlich zugleich. "Wir werden überleben! Müssen wir ja, das Land braucht Farmer. Wir sind das Rückgrat Australiens! Ohne Farmer gibt es kein Essen!"

Die Not macht stumm

Umso trauriger ist der Anblick von Farmern, die sich Essen von der Tafel holen müssen. Ein Mann nimmt zwei Packungen Toastbrot entgegen, aber von seiner Situation erzählen will er nicht. Das ist ein Problem dieser Dürrekrise: Die Frauen sind offener, gehen aufeinander zu, haben die CWAs, die Landfrauenvereinigungen, um sich zu unterstützen und Halt zu geben. Aber viele Männer fressen ihren Frust in sich hinein.

Depressionen sind verbreitet, die Selbstmordraten steigen. Deswegen gibt es Projekte wie "Mate helping Mate", Kumpel hilft Kumpel. Auf einer CD erzählt John Harper von seinen eigenen Erfahrungen mit Depressionen, davon, wie er, ein stolzer Farmer, "vom schwarzen Tier gebissen wurde" und darüber hinweg kam. Anfangs habe er nicht darüber gesprochen. "Aber als ich sah, dass mein Nachbar dieselbe Richtung einschlug wie ich damals, dachte ich: Er ist mein Kumpel, wir helfen einander."

Freimütig erzählt John von seinen Ängsten, von seinen Aggressionen, davon, dass er nicht mehr mit seiner Frau schlafen konnte, dass seine Kinder Angst vor ihm hatten, und davon, was ihm geholfen hat, um aus diesem Loch zu kommen. Wenn man Depressionen und Selbstmord vorbeugen wolle, laufe es doch immer wieder darauf hinaus: "Verlass dich auf deine Kumpel, vertrau dich ihnen an."

Die Herde wird immer kleiner

Auf seiner Farm, rund zehn Kilometer außerhalb von Coonabarabran, versucht Marty Wilkin, Zuversicht auszustrahlen und muss doch einräumen, dass die vergangenen zwei Jahre "extrem hart" waren. Früher hatte er 2000 Schafe, jetzt sind es nur noch 1000. Marty musste den Bestand drastisch reduzieren. Es seien auch kaum neue Lämmer geboren worden - und wenn doch, seien viele Mutterschafe so geschwächt gewesen, dass sie bei der Geburt starben.

Ein trauriges, aber weit verbreitetes Phänomen der Dürre. So viele Lämmer sind als Waisen aufgewachsen, ohne die Wärme einer Mutter. Die Landfrauen begannen, für sie Pullover zu stricken, eine Frauenzeitschrift druckte ein Strickmuster ab, und seitdem trudeln aus aller Welt wärmende Überzieher für Waisenlämmer ein. Danach haben die Landfrauen aus Fotos mit den Pulloverlämmchen einen Kalender entworfen, den sie wiederum für den guten Zweck verkaufen. Auf jede erdenkliche Weise greifen sich die Menschen auf dem Land unter die Arme in diesen Zeiten.

Australische Frau zeigt Pullover für Lämmer
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Diese Pullover sollen Wärme spenden - die Aktion der Landfrauen war ein Erfolg.

Jungen Schafe mit Pullovern werden gefüttert.
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Den jungen Lämmern, die ohne Mutter aufwachsen, helfen sie in ersten Monaten.

Spenden für Stroh

Auf dem Highway, der durch Coonabarabran führt, kommen auch oft Trucks an, die Tierfutter bringen, "Buy a Bale" heißt die Hilfsaktion, bei der Menschen einen Ballen Haferstroh bezahlen. Und die Trucker spenden ihre Zeit und den Treibstoff und bringen die Ballen quer durch das Land hierher, erzählt Mabel Mancer von den Landfrauen.

Kein Geld und kein Regen bedeutet auch: keine Aussaat. Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren sei es manchen Farmern nicht möglich gewesen, eine Saat auszubringen, erzählen die Landfrauen, währenddessen jage eine Hitzewelle die nächste

Anpassen und hoffen

Aber, meint Brenda Young, überall auf der Welt werde das Klima extremer, heißer, kälter, trockener, feuchter. "Und wir müssen sehen, was wir ändern und wie wir uns anpassen müssen."

Auf seiner Farm hofft Marty, dass trotz aller Hindernisse einer seiner Söhne in seine Fußstapfen tritt. Sonst werde es wohl jemand anders tun. Da schluckt er, sein Optimismus geht verloren. Ein Lebensstil, den die Familie seit Generationen pflegt, ist schwer verloren zu geben. "Und dann kann jemand anders das Leben auf dem Land genießen."

Diese und weitere Reportagen hören Sie im "Echo der Welt" um 13.30 Uhr auf NDR Info.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Februar 2019 um 13:26 Uhr.

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