Scott Morrison geht durch die Trümmer eines Hauses | Bildquelle: AFP

Kritik an Australiens Premier "Du hast keine Ahnung, Mann!"

Stand: 06.01.2020 13:38 Uhr

Die Buschbrände rauben den Menschen den Atem - und die Feuer wüten weiter. Die Regierung will mit Geld helfen, aber die Menschen sind sauer. Australiens Premier Morrison wird übel beschimpft.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur, zzt. Sydney

In Hemdsärmeln stapft der Premierminister durch ein abgebranntes Dorf, spricht mit Anwohnern, verteilt Wasserflaschen - Scott Morrison als Krisenmanager bei seinen Landsleuten. Wobei viele Australier inzwischen der Meinung sind, die größte Krise sei der Regierungschef selbst.

3000 Reservisten hat er einberufen lassen - der Feuerwehrchef vom Bundesstaat New South Wales, Shane Fitzsimmons, erfuhr das aus den Nachrichten und unterstellt seinem Regierungschef einen "Mangel an professioneller Höflichkeit". "Du hast keine Ahnung, Mann", ruft dem Premier ein anderer Feuerwehrmann zu, bei einem öffentlichen Auftritt wird der Regierungschef als Idiot beschimpft.

Premier zeigt Verständnis für die Wut

Er verstehe die Wut der Menschen, sagt Morrison: "Und wenn die Menschen diese Wut auf mich richten wollen - bitte sehr. Ich kann nachvollziehen, wie die Menschen sich angesichts dieser verheerenden Brände fühlen. Und ich nehme das nicht persönlich. Mein Job ist, mich auf die Herausforderungen dieser Krise zu konzentrieren und den Gemeinden jegliche Unterstützung zukommen zu lassen, damit sie diese Naturkatastrophe überstehen."

Während Morrison vor rußgeschwärzten Ruinen posiert, fegt Angelo Bordin in der Küstenstadt Batemans Bay sein Grundstück. Er entfernt erst das Totholz mit dem Besen, dann die letzten Blätter mit dem Laubbläser - nichts Brennbares soll liegen bleiben. Dann nimmt er den Gartenschlauch und spritzt sein Holzhaus nass.

Glaubt er wirklich, dass dies gegen die verheerenden Feuer hilft? "Doch das hilft, jedenfalls gegen Funkenflug und glühende Asche. Und davor haben wir ja am meisten Angst", antwortet er. "Deshalb bleiben wir hier und verteidigen unser Haus. Und wenn es zu heftig wird: Unser Auto ist gepackt und wir sind jederzeit bereit zu fliehen."

Verbrannte Buschlandschaft | Bildquelle: dpa
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Wo die Feuer bereits wüteten, bleiben verbrannte Buschlandschaften zurück.

Ein totes Känguru liegt auf einem abgebrannten Feld | Bildquelle: dpa
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Auch Tiere gehören zu den Opfern - so wie hier ein Känguru.

Funken entzünden immer neue Brände

Bis zu zwölf Kilometer weit fliegen Funken und Asche - und entzünden neue Brände im knochentrockenen Unterholz. Es hat mancherorts leicht geregnet, aber das ist wie der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Boden. 170 Feuer wüten noch in New South Wales, 50 im Nachbarstaat Victoria.

Die australische Hauptstadt Canberra ist durch dichten Rauch quasi lahmgelegt. Geschäfte, Museen und Universitäten blieben geschlossen, Atemmasken wurden knapp, die Stadtverwaltung rief die Bürger auf, drinnen zu bleiben.

Rugbyfeld als Zufluchtsort

Auf einem Rugbyfeld bei Batemans stehen Dutzende Zelte und Wohnwagen. Die Menschen, die hier campieren, haben ihr Haus durch die Feuer verloren oder mussten vor den heranrollenden Flammenwalzen fliehen - so wie Tausende Andere in New South Wales auch.

Joseph Harper ist einer von Ihnen. "Es ist sehr, sehr stressig, vor allem mit kleinen Kindern, die richtige Entscheidung zu treffen, wohin wir gehen", sagt er. "Die Feuer sollen jetzt drei Stunden von hier entfernt sein, auf zwei Seiten. Und weil wir nicht auf der Autobahn in der Falle sitzen wollen, haben wir entschieden, hier zu bleiben. Die Kinder sind prima, für die ist das so eine Art Campingurlaub. Aber das kann sich natürlich jede Minute ändern, wenn die Lage brenzlig wird."

Scott Morrison geht durch die Trümmer eines Hauses | Bildquelle: JAMES ROSS/EPA-EFE/REX
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Australiens Premierminister vor einem Trümmerhaufen - für viele Australier ein Bild mit Symbolcharakter.

Premier spricht nicht vom Klimawandel

Premier Morrison hat einen Buschfeuer-Wiederaufbaufonds angekündigt - umgerechnet 1,3 Milliarden Euro in den nächsten zwei Jahren. Von Klimawandel sprach Morrison auch heute nicht - obwohl dieser für die meisten Wissenschaftler und auch viele Brandschutzexperten als die Hauptursache der Extremwetterlagen im weltgrößten Kohleexportland gilt.

Morrison möchte nämlich in Zukunft eher noch mehr Kohle fördern lassen. Aber auch davon sprach der Regierungschef bei seinem Auftritt im Krisengebiet nicht. Der Premier vor einem Trümmerhaufen - für viele Australier ist dies auch ein Bild von Morrisons politischer Zukunft.

Keine Entspannung bei Buschbränden in Australien
Holger Senzel, ARD zzt. Sydney
06.01.2020 12:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Januar 2020 um 13:19 Uhr.

Korrespondent

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Holger Senzel, NDR

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