Juden werden in einem Zug nach Auschwitz deportiert. (Archivbild, 1944 in Warschau aufgenommen) | Bildquelle: akg-images / Imagno

"Stille Rebellen" in Belgien Rettung auf dem Weg nach Auschwitz

Stand: 25.01.2020 05:09 Uhr

1943 retteten drei belgische Widerstandskämpfer mehr als 200 Juden vor der Deportation nach Auschwitz. Nur mit einer Laterne, einer Zange und einer Pistole stoppten sie einen Zug der SS.

Von Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

"Wie durch ein Wunder bin ich dem Zug entkommen. Es war der zwanzigste Deportationszug nach Auschwitz, und ich war gerade einmal elf Jahre alt damals", erinnert sich Simon Gronowski. Zusammen mit seiner Mutter wurde er im April 1943 in den überfüllten Deportationszug nach Auschwitz gezwängt. "Ein Wunder, dass ich fliehen konnte", wiederholt Gronowski Jahrzehnte später immer noch fassungslos.

20 Züge nach Auschwitz

Der Deportationszug startete im von den Nazis besetzten Belgien. 1636 Juden sollte dieser Todes-Zug in die Gaskammern von Auschwitz bringen. Bewacht wurde er von einem Begleitkommando der Waffen-SS. Bei den ersten 19 Transporten nach Auschwitz hatten die SS und die Brüsseler Gestapo-Zentrale Personenzüge eingesetzt, deren Türen zwar verriegelt waren, aber durch deren Fenster Dutzenden von Insassen die Flucht gelang.

Zum Beispiel dem Kölner Rudolf Schmitz, der sich auf belgischem Boden durch einen Sprung aus dem Zug- Fenster gemeinsam mit 64 anderen Juden retten konnte. Simon Gronowski war damals zwar noch ein Kind. Aber der 11-Jährige hatte im SS-Sammellager in Mechelen von der Flucht aus den Deportationszügen gehört. Gronowski stellte sich damals vor, sein dreistöckiges Etagenbett in dem SS-Lager sei der Waggon, aus dem er sich mit einem weiten Sprung retten müsste. Und er sprang immer wieder von der obersten Matratze, um die Flucht aus dem Zug zu trainieren.

Vieh- statt Personenwaggons

Um weitere Fluchtversuche zu verhindern, hatte die Brüsseler Gestapo-Zentrale allerdings für den zwanzigsten Deportationszug den Einsatz von Viehwaggons angeordnet - aus denen ein Entkommen fast unmöglich war. Und dennoch: Simon gelang der rettende Sprung aus dem Todeszug. Seine Mutter, die kurze Zeit später im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau vergast wurde, sagte auf der Fahrt zu Simon: "Spring!" Und Simon sprang.

Zug mit Zange, Pistole und Laterne gestoppt

Denn wie durch ein Wunder wurde der zwanzigste belgische Deportationszug nach Auschwitz-Birkenau gestoppt - von drei jungen Männern aus Brüssel. Der Kopf des todesmutigen Trios war der Brüsseler Mediziner Youra Livchitz, der neben Französisch auch Englisch, Rumänisch und Deutsch beherrschte. Er verfolgte die Nachrichten der BBC und von Radio Moskau und las in russischen Untergrundzeitungen bereits 1942 Artikel über die Gaskammern der Nazis. Zu der Widerstandsgruppe gehörte außerdem ein Musiker und der zu allem entschlossene Student Robert Maistriau. Alle drei irritierte es nicht, dass sich Belgiens Partisanen-und Untergrundarmee weigerte mitzumachen, wegen der überaus großen Gefahr, von der SS erschossen zu werden.

Robert Maistriau | Bildquelle: picture-alliance / dpa/dpaweb
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Robert Maistriau wurde gefasst, überlebte aber die Haft unter den Nazis.

Die drei Untergrundkämpfer beschlossen auf eigene Faust zu handeln. Ausgerüstet lediglich mit einer Zange, einer Pistole und einer roten Laterne brachten sie den Auschwitzzug auf offener Strecke zum Anhalten. Akribisch planten sie den Ort der Rettungsaktion: Wichtig war, dass es auf belgischem Territorium passierte, denn in Nazi-Deutschland hätte niemand eine Chance gehabt zu entkommen. Außerdem wählten sie eine Kurve aus, da der Zug dort langsamer fuhr. Und es musste in Waldnähe passieren - damit sich die Flüchtlinge dort schnell verstecken konnten.

Ungeheure Stille

"Ich war überrascht von der ungeheuren Stille in diesem Moment" berichtete der Untergrundkämpfer Maistriau nach dem Krieg. "Man hörte keinen Laut, kein Vogelzwitschern. Nichts außer dem Zischen der Lokomotive." Die beiden belgischen Zugführer hatten den Zug beim Anblick der mit rotem Papier umwickelten Laterne zum Halten gebracht. Sie sympathisierten mit dem Untergrund und waren entschlossen, möglichst vielen die Flucht zu ermöglichen.

Maistriau stürzte mit der Taschenlampe auf den ersten Viehwaggon zu und durchtrennte mit der Zange den Draht, der die Schiebetür verriegelte. Als er mit der Taschenlampe hineinleuchtete, blickte er in bleiche und verängstigte Gesichter. "Mir standen etwa fünfzig Menschen gegenüber - die alle schwiegen", berichtet er. "Schnell, Schnell fliehen sie, Sortez, Sortez" rief der Widerstandskämpfer auf Deutsch und Französisch.

Gleichzeitig feuerte Youra Livcitz , der Anführer des Trios, mehrere Schüsse ab. Die SS-Leute im Zug glaubten, es mit einer gut organisierten Gruppe von Partisanen zu tun zu haben, und schossen völlig ungezielt aus der Deckung des Zuges. Aus Angst vor Heckenschützen patrouillierte keine der Wachen entlang des Zuges, berichteten Augenzeugen der Publizistin Marion Schreiber. Sie hielt die Ereignisse jener Nacht in ihrem Buch "Stille Rebellen" minutiös fest.

Rettung für mehr als 200 Menschen

231 Deportierte konnten vor der deutschen Grenze aus dem Auschwitzzug fliehen. 23 wurden auf der Flucht erschossen. Das Widerstands-Trio gab den Geflüchteten einen 50-Franken-Schein damit sie sich zu Freunden nach Brüssel, Antwerpen oder Charleroi durchschlagen konnten. Keiner derjenigen, die aus dem Zug flohen, wurde von der belgischen Bevölkerung verraten.

Auch nicht der elfjährige Simon Gronowski, der bei den Eltern eines Freundes in Brüssel unterkam und später Jurist und Jazzpianist wurde. "Ein Wunder", wie Gronowski immer wieder betont. Möglich gemacht hat dies das wohl mutigste Trio des belgischen Widerstands.

Untergrundkämpfer wurden gefasst

Die drei "Stillen Rebellen" - wie Marion Schreiber sie in ihrem Buch nennt - wurden alle gefasst Zwei überlebten die Haft im KZ. Ihr Anführer, der Arzt Youra Livcitz, wurde auf der Flucht verraten und von der Gestapo hingerichtet.

Dennoch folgten viele Belgier ihrem mutigen Beispiel: 60 Prozent der in Belgien lebenden Juden wurden durch Aktionen der Bevölkerung vor der Deportation gerettet.

Auschwitz-Befreiung: Belgische Widerstandskämpfer stoppten Deportationszug
Ralph Sina, WDR Brüssel
24.01.2020 20:15 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Januar 2020 um 06:21 Uhr.

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