Verein pflanzt Bäume an der Küste in Senegal | REUTERS

Forschung zu Klimakrise Aufforstung allein keine Lösung

Stand: 22.09.2022 20:00 Uhr

Aufforstung ist regional sinnvoll, kann aber den klassischen Klimaschutz nicht ansatzweise ersetzen. Zu diesem Schluss kommt ein israelisches Forschungsteam.

Von Werner Eckert, SWR

Aufforstung bringt weniger als angenommen im Kampf gegen die Klimakrise. Zu diesem Schluss kommt ein israelisches Forschungsteam in einer Studie, die im Fachmagazin "Science" veröffentlicht wurde. Die Forscher widersprechen der These, man müsse nur genügend aufforsten, um den Ausstoß an Treibhausgasen auszugleichen. Grasland und Savannen stünden ja genügend zur Verfügung.

Werner Eckert

Wälder wärmen Atmosphäre auch auf

Die neue Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass neue Wälder zwar CO2 binden, aber sie wärmen die Atmosphäre andererseits wieder auf. Und zwar durch den Albedo-Effekt: Wälder sind dunkler als Grasland und sie nehmen deshalb mehr Sonnenenergie auf. Global gesehen macht das zwei Drittel des Klimaschutzeffektes neuer Bäume zunichte. Weite Gebiete Zentralasiens würden sich durch Aufforstung sogar stärker erwärmen.

Vor drei Jahren hatte eine Gruppe um Jean-Francois Bastin von der ETH Zürich mit der Nachricht Schlagzeilen gemacht, dass weltweit 900 Millionen Hektar Land neu aufgeforstet werden könnte, ohne dass damit Fläche für die Nahrungsmittelproduktion verloren gehen müssten. Grasland und Savannen spielten da eine wesentliche Rolle. Mit dieser Maßnahme könne man mehr als 200 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern - und damit den gesamten Treibhausgasausstoß der vergangenen 20 Jahre ausgleichen.

Aufforstung als Lösung schlechthin

Die weite Verbreitung dieser Einschätzung hatte eine öffentliche Debatte zur Folge, ob nicht Aufforstung die Lösung des Klimaproblems schlechthin sei. Auch wenn die Autoren das so vielleicht nicht beabsichtigt hatten.

Die Debatte in wissenschaftlichen Kreisen war dagegen von Anfang an kontrovers. So haben zum Beispiel auch Trockensteppen oder Moore wichtige ökologische Funktionen und können deshalb nicht ohne Nebenwirkungen in Wälder umgewandelt werden.

Die Diskussion zeigt aber auch exemplarisch, wie Forschung sich weiterentwickelt. Von Anfang an wiesen Experten darauf hin, dass Wälder dunkler sind als Graslandschaften. Und dass dieser Effekt nicht in der Studie von Bastin berücksichtigt wurde.

Weniger Bindung von CO2 als angenommen

Nun haben Wissenschaftler um Shani Rohatyn vom Technion-Israel Institute of Technology das genauer analysiert. Und zwar für Trockengebiete, die weltweit 40 Prozent der Landfläche ausmachen und mit rund 450 Millionen Hektar einen guten Teil der potenziellen Aufforstungsflächen darstellen würden. Täte man das, so errechnen die Forscher, könnte man über die kommenden 80 Jahre 32 Milliarden Tonnen Kohlenstoff binden. Das ist eine deutlich niedrigere Menge als in der Analyse von Bastin, dem ohnehin allzu optimistische Annahmen vorgeworfen worden waren.

Und dann komme eben der Albedo-Effekt ins Spiel. Die israelische Gruppe machte eine hochauflösende räumliche Analyse globaler Trockengebiete und simulierte die klimatischen Auswirkungen von Aufforstung in diesen Regionen. Das Ergebnis ist regional sehr differenziert und in interaktiven Karten abrufbar.

Global geringer Kühlungseffekt

Global aber zeigen die Autoren, dass der kühlende Effekt der Aufforstung dieser riesigen Gebiete nur sehr gering ist. Je nach Szenario bei der künftigen Entwicklung der Klimagas-Emissionen wiegt das nur ein Prozent dieser Emissionen auf.

Nur in einem ohnehin von starkem Klimaschutz geprägten Modell wäre die Aufforstung anteilig etwas wirkungsvoller. Dann könnten knapp drei Prozent der verbleibenden Emissionen gebunden werden. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Aufforstung regional sinnvoll ist, dass sie aber den klassischen Klimaschutz nicht ansatzweise ersetzen kann.

Diese Studie könnte auch Auswirkung auf Kompensationsangebote haben, die etwa von Flug- und Reiseveranstaltern angeboten aber auch von Firmen genutzt werden, die sich dann als klimaneutral bezeichnen. Darauf weist Nina Buchmann, Umweltwissenschaftlerin an der ETH Zürich, hin. Denn diese Programme ignorieren den Albedo-Effekt bisher meistens.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. September 2022 um 23:59 Uhr.