Pressekonferenz nach Terroranschlag in Wien - in der Mitte Innenminister Nehammer.

Nach Anschlag in Wien Regierung geht von Einzeltäter aus

Stand: 04.11.2020 17:02 Uhr

Der Attentäter von Wien hat laut Österreichs Regierung alleine gehandelt - das habe die Sichtung Tausender Videos bestätigt. Für Kritik sorgt unterdessen der Umgang mit wichtigen Informationen zum Verdächtigen aus der Slowakei.

Bei dem Anschlag in Wien hat der Täter nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden allein gehandelt. Das sagte Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Einzeltätertheorie habe sich bei der Durchsicht von mehr als 20.000 Videos von Augenzeugen und Überwachungskameras von Montag bestätigt. "Was gleichzeitig sichtbar wurde, ist, mit welcher Brutalität und Grausamkeit der Täter vorgegangen ist."

Der Angreifer hatte am Montagabend in Wien auf Barbesucher und Restaurantangestellte geschossen. Dabei wurden vier Menschen getötet und 22 weitere verletzt, bevor er von Polizisten erschossen wurde. Bei dem Täter handelt es sich nach Behördenangaben um einen aus Nordmazedonien stammenden 20-Jährigen. In den Stunden nach der Tat wurden 14 Personen aus seinem Umfeld vorläufig festgenommen. Diese seien zwischen 18 und 28 Jahre alt, sie hätten Migrationshintergrund und seien teils nicht-österreichische Staatsbürger, sagte Nehammer weiter.

Was passierte mit Informationen aus der Slowakei?

Der Tatverdächtige war zuvor der slowakischen Polizei bei einem versuchten Munitionskauf aufgefallen. Die Polizeidirektion in Bratislava schrieb auf Facebook: "Die slowakische Polizei erhielt im Sommer die Information, dass verdächtige Personen aus Österreich versuchten, in der Slowakei Munition zu kaufen. Es gelang ihnen aber nicht, den Kauf zu realisieren." Die Information sei unverzüglich der Polizei in Österreich übermittelt worden.

Die oppositionelle SPÖ hatte vom Wiener Innenministerium daraufhin Aufklärung über die Vorgänge gefordert. Nehammer bestätigte nun, dass die Slowakei Österreich informiert habe. "In den weiteren Schritten ist hier offensichtlich in der Kommunikation etwas schiefgegangen." Er kündigte an, das von einer unabhängigen Untersuchungskommission klären zu lassen.

Mutmaßlicher Täter war bereits 2019 in Haft

Der Tatverdächtige war den Behörden schon einmal ins Netz gegangen. Im April 2019 wurde er wegen des Versuchs, sich der Terrororganisation "Islamischer Staat" in Syrien anzuschließen, zu 22 Monaten Haft verurteilt worden. Im Dezember 2019 war der junge Mann, der die österreichische und nordmazedonische Staatsbürgerschaft besaß, dann aber vorzeitig aus der Haft entlassen worden.

Kritik an der vorzeitigen Haftentlassung des 20-Jährigen kam von Bundeskanzler Sebastian Kurz. Wäre anders entschieden worden, "dann hätte dieser Terroranschlag so nicht stattfinden können", sagte Kurz. "Insofern war die Entscheidung, dass dieser Täter freigelassen wurde, definitiv falsch, mit dem heutigen Wissenstand."

Auch Nehammer äußerte sich kritisch. "Der Täter ist vorzeitig entlassen worden, hat das Deradikalisierungsprogramm ausgenutzt für diese vorzeitige Entlassung, hat vier Menschen getötet und 22 verletzt", sagte er. "Aus meiner Sicht ist das Anlass genug, unsere Systeme zu hinterfragen."

"Geschafft, uns alle zu täuschen"

Der damalige Anwalt des mutmaßlichen Täters, Nikolaus Rast, begründete dessen vorzeitige Entlassung im vergangenen Jahr gegenüber dem ORF: "Er wird dann bedingt entlassen, wenn er eine positive Zukunftsprognose hat, von der sich das Gericht offensichtlich überzeugt hat und ich hatte denselben Eindruck." Aus heutiger Sicht klinge das absurd, sagt Rast. "Ein harmloser junger Bub, der es offensichtlich geschafft hat, uns alle zu täuschen. Das Gericht zu täuschen, den Anwalt zu täuschen, wahrscheinlich auch die Polizei zu täuschen, die Bewährungshelfer zu täuschen." Der österreichische Verfassungsschutz habe nach der Haftentlassung die Observierung des späteren mutmaßlichen Attentäters eingestellt.

Mit Informationen von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Ermittlungsstand nach Terroranschlag in Wien
Clemens Verenkotte, ARD Wien
04.11.2020 14:01 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die Tagesschau um 20.00 Uhr sowie NDR Info am 04. November 2020 um 17:45 Uhr.

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