Entscheidung der japanischen Atomaufsicht "Sicher genug" - trotz des Restrisikos

Stand: 16.07.2014 16:14 Uhr

Erstmals seit der Verschärfung der Richtlinien nach der Atomkatastrophe von Fukushima hat die japanische Atomaufsichtsbehörde zwei abgeschaltete Atomreaktoren für sicher erklärt. Damit ist eine Grundvoraussetzung für die Rückkehr zur Kernkraft erfüllt.

Der Chef der Atomaufsichtsbehörde, Shunichi Tanaka
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"Wir können niemals sagen, dass überhaupt kein Risiko besteht", so NRA-Chef Tanaka

Die Atomregulierungsbehörde NRA veröffentlichte einen mehr als 400 Seiten starken Bericht, demzufolge die Anlagen Sendai 1 und Sendai 2 in Südjapan sicher genug sind, um wieder ans Netz zu gehen. Ermittler hätten nach Durchsicht eines Gutachtens festgestellt, dass an der Anlage schwere Störfälle wie der Super-GAU in Fukushima im März 2011 vermieden werden könnten. NRA-Chef Shunichi Tanaka sah sich vor Journalisten in Tokio aber zu einer Einschränkung gezwungen: "Wir können niemals sagen, dass überhaupt kein Risiko besteht."

Neustart vor Herbst ohnehin unwahrscheinlich

Nach einer weiteren 30-tägigen Prüfperiode will die Atombehörde nun entscheiden, ob sie grünes Licht für eine Wiedereröffnung der beiden Reaktoren am Sendai-Komplex gibt. Unabhängig davon ist ein Neustart vor dem Herbst aber unwahrscheinlich: Die Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe und die Betreiberfirma Kyushu Electric Power haben bereits vereinbart, die Bevölkerung und örtliche Behörden in eine Entscheidung über das Hochfahren der Anlage einzubinden. Dies könnte mehrere Monate dauern.

Die beiden Reaktoren in Sendai
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Die beiden Reaktoren in Sendai sind nach Einschätzung der Atomaufsichtsbehörde sicher genug.

Wer die endgültige Entscheidung trifft, ist unklar

Erschwerend kommt hinzu, dass nicht klar geregelt ist, wer die endgültige Entscheidung zum Wiederhochfahren der Reaktoren treffen muss, wie der Politologe Tomoaki Iwai von der Nihon-Universität erläuterte. "Weil niemand die Verantwortung für eine solch schwierige Entscheidung übernehmen will, wird wahrscheinlich der Regierungschef das letzte Wort haben."

Regierungschef Abe ist ein Befürworter der Atomkraft und will einige AKW wieder in Betrieb nehmen lassen. Er begründet dies vor allem mit den Interessen der Wirtschaft, die unter der andauernden Abschaltung leide. Die NRA-Entscheidung nannte er "einen Schritt vorwärts".

"Schämt Euch!"

Demonstration von Atomkraftgegnern
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Dimensionen wie in Deutschland haben sie nicht, doch auch in Japan gibt es Proteste gegen Atomkraft.

Zwar gab es in Japan keine vergleichbaren Proteste gegen die Atomkraft wie in Deutschland. Doch nach der Fukushima-Katastrophe wuchs auch dort die Ablehnung dieser Technik. Während der im Internet übertragenen Abschlusssitzung der Atomaufsichtsbehörde protestierten einige Atomkraftgegner gegen die Entscheidung und riefen "Schämt Euch!". Auch vor der Anlage in Sendai gab es Proteste.

Kritiker betrachten die Aufsichtsbehörde als Marionette der Atomlobby und nicht als unabhängige Prüfungsstelle. Die NRA habe "dem enormen Druck der Atomindustrie und der Regierung Abe nachgegeben, (...) anstatt die Sicherheit der Menschen an erste Stelle zu setzen", kritisierte die Umweltorganisation Greenpeace Japan.

Im März 2011 hatten ein Erdbeben und ein Tsunami das Kernkraftwerk Fukushima im Nordosten Japans zerstört und zum folgenschwersten Atomunglück seit dem Unfall von Tschernobyl im Jahr 1986 geführt. Als Konsequenz aus dem Desaster wurden die 48 Reaktoren im Land vom Netz genommen und im vergangenen Juli stringente Sicherheitstests eingeführt. Zwei Reaktoren wurden im vergangenen Jahr vorübergehend wieder hochgefahren, derzeit sind aber alle Anlagen vom Netz.

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Beben, Tsunami, Super-GAU: Chronologie der Katastrophen (11.03.-15.04.2011)

Chronologie der Katastrophen in Japan (11. März bis 15. April 2011)

Tsunami

11. März: Das stärkste jemals gemessene Erdbeben in Japan mit einer Stärke von 9,0 erschüttert die Nordostküste des Landes. Kurz nach dem Beben erreicht eine bis zu zehn Meter hohe Tsunami-Welle die Küste. Das Bild ist bei Minamisoma in der Präfektur Fukushima aufgenommen worden.

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