Injektionsflasche mit Impfspritzen und Corona-Impfstoff von AstraZeneca | imago images/Christian Ohde

EU-Ärger über AstraZeneca Wirkt der Druck?

Stand: 26.01.2021 16:47 Uhr

AstraZeneca will seinen Impfstoff nun sogar früher an die EU liefern - das jedenfalls meldet die Nachrichtenagentur Reuters. In der Debatte um die Wirksamkeit des Vakzins geht das Gesundheitsministerium von einer Verwechslung aus.

Erst hieß es, es werde weniger geliefert, als bestellt wurde - jetzt macht das Pharmaunternehmen AstraZeneca laut einem Medienbericht eine Kehrtwende und kündigt sogar eine schnellere Auslieferung an. Statt am 15. Februar soll der Impfstoff nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters schon am 7. Februar in der EU eintreffen. Zuvor war noch von Schwierigkeiten bei Rohstoffherstellern die Rede gewesen. Das jedenfalls war die Begründung von AstraZeneca dafür, dass weniger als die Hälfte der Bestellung geliefert werden könne.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur, die sich auf EU-Vertreter beruft, ist noch unklar, woher der Impfstoff kommen soll. Die Europäische Union hatte bei Großbritannien nachgefragt, ob das Mittel von dort umgeleitet werden kann, solange der Engpass in der EU besteht. Denn die Verträge mit den Briten sollen offenbar wie vereinbart eingehalten werden.

Zweifel an Begründung für Engpass

Genau das versucht die EU seit Tagen zu klären. Die Gespräche bisher verliefen für die EU-Kommission eher wenig zufriedenstellend, denn AstraZeneca beharrte bis zuletzt noch auf seiner eingeschränkten Lieferfähigkeit. Völlig inakzeptabel, sagte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides.

Deswegen verlangt die EU von AstraZeneca offenzulegen, wie viel Impfstoff wo produziert wurde und an wen geliefert wurde. Diese Fragen habe das Unternehmen bislang nicht zufriedenstellend beantwortet. Es steht der Verdacht im Raum, AstraZeneca könnte das von der EU mitfinanzierte Vakzin an andere Länder geliefert haben.

EU kündigt Transparenzregister an

Eine Konsequenz zog die EU-Kommission bereits: Künftig werden alle Impfstoff-Hersteller in einem Transparenzregister erfasst. Danach müssen die Pharmaunternehmen in Zukunft angeben, wann sie wie viel Impfstoff produziert haben - und vor allem: wohin sie liefern wollen.

"Die Idee ist, dass wir mit dem Mechanismus Transparenz herstellen", erklärte ein Kommissionssprecher. "Über alle Impfstoffe, die in der EU produziert wurden, dann aber an Drittstaaten gehen. Denn in die Entwicklung und den Aufbau der Produktionskapazitäten hat die EU viel Geld investiert."

Insgesamt 2,7 Milliarden Euro hat die EU für die Unterstützung bei der Impfstoff-Entwicklung und beim Aufbau von Produktionskapazitäten inzwischen ausgegeben, 336 Millionen gingen an AstraZeneca.

Kein Exportverbot

Ein Exportverbot für die in der EU hergestellten Impfstoffe ist der neue Transparenzmechanismus aber nicht. Ob die Verträge mit den Pharmaunternehmen solche Exportverbote überhaupt hergeben, ist eine offene Frage. Die Abgeordneten im Europaparlament würden sie gern beantworten, können es aber nicht, weil mit CureVac nur ein einziges Unternehmen den Vertrag zur Einsicht freigegeben hat. Und selbst da seien wichtige Punkte geschwärzt, heißt es im EU-Parlament.

Weiterhin Fragen offen

Für Mittwoch ist ein weiterer Verhandlungstermin der EU mit AstraZeneca vorgesehen. Das Unternehmen solle darlegen, wie die Impfstofflieferungen sichergestellt werden können. Wenn die Gespräche wie geplant stattfinden, wird es wahrscheinlich auch da weiterhin um die Frage der Vakzin-Lieferungen gehen, wenn auch inzwischen unter anderen Vorzeichen.

Und auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA, die für die Zulassung zuständig ist, wartet auf Antworten, denn bereits für kommenden Freitag ist ihre Stellungnahme der Behörde zum AstraZeneca-Impfstoff vorgesehen. In mehreren Zeitungsberichten wurde die Wirksamkeit des Vakzins bei älteren Menschen angezweifelt. Bei Menschen über 65 Jahren zeigt das Mittel demnach nur eine Wirkung von acht Prozent.

Unternehmen und Bundesgesundheitsministerium widersprechen

Das Unternehmen dementierte, und auch das Bundesgesundheitsministerium widersprach. Man könne dies nicht bestätigen, teilte ein Ministeriumssprecher mit. Auf den ersten Blick scheine es so, dass Dinge verwechselt würden. Rund acht Prozent der Probanden der AstraZeneca-Wirksamkeitsstudie seien zwischen 56 und 69 Jahre alt gewesen, nur 3 bis 4 Prozent über 70 Jahre. "Daraus lässt sich aber nicht eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei Älteren ableiten." AstraZeneca selbst hat nach Informationen des ARD-Studios Brüssel bei der europäischen Arzneimittelbehörde eine neue Studie vorgelegt, die beweisen soll, dass die Wirksamkeit gegeben ist.

Trotz aller Zugeständnisse hält die EU an ihren Forderungen fest und macht weiter Druck - heute noch einmal von ganz oben. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen ermahnte die Hersteller, vertragliche Lieferpflichten zu erfüllen. Die EU habe Milliarden in die Entwicklung von Impfstoffen und den Aufbau von Produktionskapazitäten investiert. "Jetzt müssen die Firmen liefern", sagte sie beim Online-Treffen des Weltwirtschaftsforums.

Mit Informationen von Helga Schmidt und Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Januar 2021 um 09:00 Uhr und tagesschau24 um 11:00 Uhr.