Julian Assange wird nach seiner Festnahme von einem britischen Polizeifahrzeug abtransportiert | Bildquelle: dpa

Vorwürfe gegen Assange Was geschah in Schweden - und danach?

Stand: 21.02.2020 06:01 Uhr

Am 20. August 2010 gehen zwei Frauen in Stockholm zur Polizei und wollen Assange zu einem HIV-Test zwingen. Die Polizei ermittelt - und löst eine Lawine von Ereignissen aus. Was ist seitdem geschehen?

Von Andrea Brack Peña, NDR

Assange in Schweden (Archivbild) | Bildquelle: AP
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Assange bei seinem Vortrag in Schweden

Freitag, 13. August 2010: Assange reist nach Stockholm. Hier wird er gefeiert. "Die Arbeit von Wikileaks war sehr bedeutsam. Assange war ein Star", sagt Donald Boström. Der Journalist arbeitet damals für die schwedische Zeitung "Aftonbladet". Zusammen wollen sie ein journalistisches Projekt starten.

Assange fühlt sich in Hotels nicht sicher und übernachtet lieber bei Boström und bei anderen Unterstützern. "Meine Bekannte A.A. rief mich an und sagte: Er kann bei mir bleiben", erinnert sich Boström. "Sie war glücklich darüber, ihn bei sich aufzunehmen." Den Vernehmungsprotokollen der Polizei nach schlafen Assange und A.A. in dieser Nacht miteinander, dabei soll das Kondom geplatzt sein. Assange bleibt sechs weitere Nächte bei A.A., Sex haben sie aber nicht mehr. Später wird sie ihn verdächtigen, das Kondom zerrissen zu haben.

Samstag, 14. August 2010: Assange hält einen Vortrag. Seine Gastgeberin ist auch dabei. An diesem Tag trifft Assange eine weitere Frau: S.W.

Montag, 16. August 2010: Den Vernehmungsprotokollen nach sollen Assange und S.W. in dieser Nacht miteinander geschlafen haben - zunächst mit Kondom. Sie sei später eingeschlafen und von dem Gefühl aufgewacht, dass er versuche habe, erneut mit ihr Sex zu haben. Die Frage, ob er ein Kondom trage, beantwortete er nicht klar, sie habe aber keine Kraft mehr gehabt, es erneut anzusprechen, so ihre Aussage. Er habe ihr versichert, nicht HIV-positiv zu sein.

Dienstag, 17. August 2010: Boström spricht mit Assange. "Er war wie ein Rockstar, die Frauen lagen ihm zu Füßen", erinnert er sich "Ich habe ihm oft erklärt: Das ist nicht in Ordnung und dass das in der Vergangenheit zum Fall vieler berühmter Männer geführt hat. Er sagte nur, er habe alles unter Kontrolle."

Freitag, 20. August 2010: Beide Frauen gehen zur Polizei und wollen, dass Assange einen HIV-Test macht. Die Polizei nimmt Ermittlungen auf. Denn das schwedische Sexualstrafrecht ist streng: Es stellt das Ausnutzen in hilflosen Situationen unter Strafe, wenn etwa das Opfer schläft oder bewusstlos ist.

Boström versucht zu vermitteln. "Ich telefonierte mehrmals mit Assange und den Frauen und konnte ihn am Ende überzeugen, den Test zu machen. Es war aber Freitagabend, und einen Termin in einer Klinik zu bekommen war unmöglich." In einer SMS, die NDR und WDR vorliegt, schreibt eine der Frauen: "Ich wollte nur, dass er einen HIV-Test macht." 

Samstag, 21. August 2010: Die Stockholmer Staatsanwältin Eva Finné übernimmt den Fall und wertet die Aussagen der Frauen aus. Sie entscheidet: Es handelt sich nicht um Vergewaltigung.

Mittwoch, 25. August 2010: Finné stellt das Verfahren zu den Aussagen von S.W. ein. Im Fall von A.A. geht sie von möglicher sexueller Nötigung aus und ermittelt weiter.

Marianne Ny bei einer Pressekonferenz (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Die schwedische Chef-Staatsanwältin Marianne Ny übernahm den Fall.

Freitag, 27. August 2010: Generalstaatsanwältin Marianne Ny übernimmt den Fall.

Montag, 30. August 2010: Assange sagt bei der Polizei aus und bestreitet die Vorwürfe.

Dienstag, 01. September 2010: Ny nimmt die Ermittlungen im Fall S.W. wieder auf. Nun lautet der Vorwurf: Vergewaltigung. Im Fall A.A. wird weiter wegen des Verdachts der sexuellen Nötigung ermittelt.

08. bis 14. September 2010: Assanges Anwalt beantragt eine neue Vernehmung seines Mandanten. Die Staatanwaltschaft lehnt ab. 

Dienstag, 14. September 2010: Assanges Anwalt fragt an, ob Assange ausreisen könne. Assange arbeitet in London zusammen mit Journalisten der ^"New York Times", des "Guardian" und des "Spiegel" an Wikileaks nächstem Scoop, den "Iraq Warlogs".

Mittwoch, 15. September 2010: Die Staatsanwaltschaft informiert: Assange darf das Land verlassen.  

Dienstag, 21. September 2010: Die Staatsanwaltschaft schlägt den 28. September für eine weitere Vernehmung vor.

Montag, 27. September 2010: Seit Beginn der Ermittlungen sind fünf Wochen vergangen. Trotz der für den nächsten Tag geplanten Vernehmung reist Assange nach London. Sein Anwalt teilt der der Staatsanwaltschaft mit, dass er seinen Mandanten nicht erreichen könne. Die Staatsanwaltschaft erlässt einen Haftbefehl.

Donnerstag, 30. September 2010: Assanges Anwalt erfährt davon. Assange lässt ausrichten, dass er für eine Vernehmung ab dem 10. Oktober zurückkommen könne. Das lehnt die Staatsanwaltschaft ab. Das sei dann zu spät.

Dienstag, 5. Oktober und Freitag, 8. Oktober 2010: Der Anwalt von Assange bietet eine Vernehmung von Assange per Telefon an. Solche Vernehmungen sind in Schweden üblich. Die Ermittler lehnen ab. Assange müsse in Schweden vernommen werden.

Dienstag, 12. Oktober 2010: Assanges Anwalt kann der Staatsanwaltschaft keine neuen Termine anbieten. Assange sei nicht mehr zu erreichen. Die Ermittlungen gehen in Schweden weiter, Zeugen werden vernommen.

Samstag, 23. Oktober 2010: Wikileaks, die "New York Times", der "Guardian" und der "Spiegel" veröffentlichen die "Iraq Warlogs". Rund 400.000 Militärdokumente enthüllten Plünderungen, Folter, Verschleppungen im Irak-Krieg. Die Dokumente stammten wohl aus einer Datenbank des Pentagons.

Freitag, 12. November 2010: Assanges Anwalt schlägt der Staatsanwaltschaft neue Termine vor, aber auch die Möglichkeit, ein schriftliches Statement von Assange zu senden, eine Telefon- oder Videovernehmung zu organisieren oder ihn in der australischen Botschaft vernehmen zu lassen. Die Staatsanwaltschaft lehnt alle Vorschläge ab. Assange müsse persönlich in Schweden vernommen werden.

Montag, 06. Dezember 2010: Ein europäischer Haftbefehl wird ausgestellt.

Dienstag, 07. Dezember 2010: Assange stellt sich der britischen Polizei. Es wird eine DNA-Probe genommen. Die schwedischen Ermittler bestehen darauf, dass Assange nach Schweden ausgeliefert wird. Es beginnt ein monatelanger Rechtsstreit. Assange wird unter Hausarrest gestellt.

Donnerstag, 19. Juni 2012: Aus Angst vor einer Auslieferung von Großbritannien nach Schweden und von dort in die USA bittet Assange Ecuador um Asyl und flüchtet sich in die Botschaft Ecuadors in London.

Assange und seine Anwältin | Bildquelle: dpa
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Assange und seine Anwältin verlassen den High Court in London.

Dienstag, 15. November 2016: In all den Jahren in der Botschaft geht das Verfahren nur schleppend voran. Lange ist die schwedische Staatsanwaltschaft nicht bereit, für eine Vernehmung nach London zu kommen. An diesem Tag wird Assange erstmals von der Staatsanwaltschaft vernommen.

Donnerstag, 11. April 2019: Ecuador entzieht Assange das diplomatische Asyl. Er wird in der ecuadorianischen Botschaft verhaftet.

Mittwoch, 20. November 2019: Die schwedische Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren wegen Vergewaltigung mangels Beweisen ein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. Februar 2020 um 12:00 Uhr.

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