Mitglieder des Untersuchungsteams der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verlassen ihr Hotel in Wuhan mit einem Bus, nachdem sie zwei Wochen in Quarantäne waren (Archivbild). | dpa

Corona-Ursprungsort Wuhan Hinterbliebene wollen WHO-Experten treffen

Stand: 29.01.2021 02:26 Uhr

Nach dem Ende ihrer Quarantäne können die WHO-Experten in Wuhan jetzt mit der konkreten Arbeit beginnen. Angehörige der ersten Corona-Toten fordern Aufklärung über die chaotischen Anfangswochen der Pandemie.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, z.Zt. Berlin

Zhang Hai schwankt zwischen Wut und Trauer, zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Vor einem Jahr starb sein 76-jähriger Vater in einem Krankenhaus in Wuhan an Covid-19. Zhang hatte ihn in die Klinik gebracht und den Versicherungen der Behörden geglaubt, das neue Coronavirus sei nicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Kurz darauf war sein Vater tot.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

Jetzt, da internationale Experten in Wuhan die Ursprünge des Virus Sars-Cov-2 erforschen wollen, formuliert der 51-jährige im Gespräch mit der ARD klare Erwartungen.

Ich denke, wenn sie den Ursprung des Virus untersuchen wollen, müssen sie unsere Erfahrungen anhören. Das könnte ihnen sicherlich helfen, die Wahrheit herauszufinden.

Der Vorwurf: Die Stadt hat die Gefahr anfangs vertuscht

Zhang will die WHO-Experten treffen, will ihnen von den ersten chaotischen Wochen in Wuhan erzählen, als die Krankenhäuser überlastet und die Behörden überfordert waren. Über 3800 Menschen sind in Wuhan an Covid-19 gestorben. Zhangs Vorwurf: Die Stadt hat die Viruskrise anfangs vertuscht. Dafür, sagt er, müssen die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Bislang hat weder die Verwaltung in Wuhan noch die Provinz ihre Fehler eingestanden. Das war kriminell. Das war mehr als nur Vertuschung.

Dass Zhang und andere Hinterbliebene mit dem WHO-Team sprechen können, gilt als unwahrscheinlich. Wirklich frei können sich die WHO-Experten in Wuhan nicht bewegen, ihre Mission kam erst nach langem Hin- und Her mit Peking überhaupt zustande. Und an Leuten wie Zhang hat die chinesische Führung kein Interesse. Während er Schuldige für den Tod seines Vaters sucht, fürchtet China, wegen der Pandemie international an den Pranger gestellt zu werden. Auch deshalb versucht die Regierung seit Wochen, von Wuhan abzulenken.

"Die Suche nach dem Ursprung des Virus ist ein Prozess, bei dem möglicherweise verschiedene Ausbrüche an verschiedenen Orten in Betracht gezogen werden müssen", sagte erst gestern wieder Außenamtssprecher Zhao Lijian.

Kommunistische Partei unterdrückt Kritik

Zhang Hai und andere Hinterbliebene hoffen dennoch, dass die WHO-Experten Zugang zu allen Daten und Informationen bekommt. Aber Skepsis bleibt.

Ich hoffe, dass die WHO mit dieser Mission unter Beweis stellen kann, dass sie verantwortungsbewusst und unabhängig ist, und dass die Experten nichts sagen, was nicht ihrer Überzeugung entspricht, und dass die Fakten nicht verzerrt werden. Alles andere wäre eine Beleidigung der Toten.

Zhang sagt, er sei ein Patriot, der aus Liebe zu seinem Land die Wahrheit ans Licht bringen will. Erwidert wird diese Liebe von der Kommunistischen Partei Chinas allerdings nicht. Zhang ist bereits mehrfach verhört worden. Das Social-Media-Konto, über das er Kontakt zu über 80 anderen Angehörigen aus Wuhan hielt, wurde kurz nach Ankunft der WHO-Mission gelöscht. Dennoch sagt er: Ich habe keine Angst.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Januar 2021 um 06:16 Uhr.