Trauernde tragen den Leichnam der palästinensischen Al Dschasira-Journalistin Schirin Abu Akle | AFP

Einsatz im Westjordanland Wer erschoss Schirin Abu Akle?

Stand: 11.05.2022 13:29 Uhr

Die israelische Armee hat nach den tödlichen Schüssen auf eine erfahrene Reporterin von Al Dschasira im Westjordanland eine Untersuchung angekündigt. Ein Menschenrechtler würdigte die Journalistin.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Verzweifelt ruft ein palästinensischer Journalist den Namen der Kollegin und Freundin, die vor ihm auf einer Trage im Krankenhaus von Dschenin liegt. Da ist Schirin Abu Akle bereits tot. Die 51-Jährige Reporterin des Senders Al Dschasira war in der Nacht mit Kollegen nach Dschenin gekommen, um über eine Aktion der israelischen Armee zu berichten. Schüsse fielen. Abu Akle wurde von einer Kugel ins Gesicht getroffen und erlitt tödliche Verletzungen. Ein Reporter einer Zeitung wurde angeschossen.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Die israelische Armee erklärte, es habe einen Schusswechsel mit Palästinensern gegeben. Diese hätten wahllos um sich geschossen und es sei wahrscheinlich, dass sie für den Tod der Journalistin verantwortlich seien, betonte Israels Regierungschef Naftali Bennett.

Der israelische Armeesprecher Ran Kochav sagte in einem Radiointerview: "Wir haben geschossen. Aber es waren Präzisionsschützen, die aus guter Sicht sehr genau geschossen haben. Die meisten Schüsse, die fielen, kamen von Palästinensern, die ungenau und in verschiedene Richtungen schossen - mit dem Ziel unsere Soldaten zu treffen."

Journalistin trug Weste mit Aufschrift "Presse"

Von palästinensischer Seite wird dieser Darstellung widersprochen. Der angeschossene Journalist sagte dem Sender Al Dschasira, israelische Soldaten hätten ohne Warnung auf ihn und Abu Akle gefeuert. Die erste Kugel habe ihn und die zweite die Kollegin getroffen. Bewaffnete Palästinenser seien zu diesem Zeitpunkt nicht vor Ort gewesen.

So schilderte den Vorfall auch der palästinensische Politiker und Menschenrechtsaktivist Mustafa Barghouti im Al-Dschasira-Interview: "Schirin Abu Akle war als Journalistin gekennzeichnet. Sie trug eine Weste mit der Aufschrift 'Presse'. Es gab in dem Moment keinen Schusswechsel. Sie kann nicht von einem Palästinenser erschossen worden sein. Die israelische Armee nutzt immer dieselben Ausreden um Verbrechen, die sie gegen Palästinenser und palästinensische Journalisten begeht, zu vertuschen."

Israelische Armee will Vorfall untersuchen

Die israelische Armee kündigte eine Untersuchung des Vorfalls an und forderte die palästinensischen Behörden auf, dabei zu kooperieren. "Beschuldigt nicht gleich unsere Soldaten. Auch wenn sie geschossen und vielleicht jemanden getroffen haben, der nicht involviert war, ist es inmitten eines Gefechts, eines Schusswechsels geschehen und die Palästinenserin befand sich bei den Schießenden - deshalb kann so etwas durchaus passieren", betonte Armeesprecher Kochav.

Tod der Journalistin als Hinrichtung bezeichnet

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas nannte den Tod der Journalistin eine "Hinrichtung". Al Dschasira erklärte, die Reporterin sei kaltblütig erschossen worden, sprach von einem abscheulichen Verbrechen, machte Israel verantwortlich und rief die internationale Staatengemeinschaft zum Handeln auf.

Im Nahost-Konflikt kommen immer wieder auch Journalisten ums Leben. So starben in den vergangenen Jahren im Gaza-Streifen mehrere Kameraleute und Fotografen durch israelischen Beschuss - unter anderem während der blutigen Proteste 2018.

Schirin Abu Akle | AP

Schirin Abu Akle berichtete seit mehr als zwanzig Jahren für das arabische  Programm von Al Dschasira über den Nahostkonflikt. Bild: AP

"Märtyrerin der Wahrheit"

Abu Akle berichtete seit mehr als 20 Jahren für das arabische Programm von Al Dschasira über den Nahost-Konflikt. Die 51-Jährige aus Ostjerusalem galt als äußerst erfahren, auch in Krisensituationen. Sie war schon während der zweiten Intifada Al Dschasira-Reporterin. Im arabischen Raum war Abu Akle sehr bekannt.

Barghouti würdigte die Reporterin. "Schirin Abu Akle war immer eine fantastische Korrespondentin und Journalistin. Ich sehe in ihr eine Märtyrerin der Wahrheit. Sie versuchte immer objektiv die Wahrheit über die Realität in Palästina zu präsentieren."

Sicherheitslage könnte sich weiter verschärfen

Die Sicherheitslage in der Region könnte sich nach dem Tod der Journalistin weiter verschärfen. Bei israelischen Anti-Terror-Operationen im Westjordanland kam es in den vergangenen Wochen immer wieder zu Zusammenstößen und Toten auf palästinensischer Seite. Um einen solchen Einsatz handelte es sich auch in der vergangenen Nacht in Dschenin.

Die Aktionen sind die Reaktion der israelischen Sicherheitsbehörden auf eine Anschlagsserie innerhalb Israels bei der insgesamt 17 Menschen getötet wurden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Mai 2022 um 12:41 Uhr.