Menschen beobachten einen Löschhubschrauber im türkischen Mugla, der Wasser zum Löschen der brennenden Gebiete holt. | dpa
Reportage

Kritik an türkischer Regierung "Sie haben uns vernachlässigt"

Stand: 08.08.2021 13:56 Uhr

Noch immer sind die Waldbrände in der Türkei nicht unter Kontrolle und die Kritik am Krisenmanagement von Präsident Erdogan wird lauter. Wer sich aber öffentlich äußert, begibt sich damit in Gefahr.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Mehmet lebt mit seiner Frau in einem kleinen Dorf an der Südwestküste der Türkei. Es ist keiner dieser schicken Badeorte wie Bodrum. Die Häuser sind hier einfach und statt edler Boutiquen säumen kleine Tante-Emma-Läden und Kioske die Promenade. Viele halten ihr Vieh direkt hinter dem Haus, sie leben hier mit der Natur.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

In Badeschlappen und Shorts kommt Mehmet aus seinem Haus gelaufen und erzählt, wie das Feuer letzte Woche ins Dorf kam. Als er auf die verkohlten Hügel direkt dahinter zeigt, bekommt er rote Augen. "Ich kann gar nicht hinschauen zum Hügel rüber, auf die Berge", sagt der 72-Jährige und fängt an zu weinen. "Was soll ich noch sagen? Was kann man überhaupt noch sagen?"

Der Schock durch die Wucht des Feuers beherrscht ihn immer noch, dazu mischt sich Trauer um die Natur. Inzwischen ist Aysun dazugekommen. Eine kleine zierliche Frau mit buntem Kopftuch, wie es die Frauen auf dem Land hier tragen, locker gebunden, vorne schauen die Haare raus. Auch sie lassen die Erlebnisse nicht los.

"Die da oben haben es sich gut gehen lassen"

Als die Flammen kamen, seien sie gerannt, um zu retten, was zu retten ist, erzählt Aysun. "Wir haben um Hilfe gerufen. Aber die da oben in Ankara haben sich's gut gehen lassen, als unsere Berge hier in Flammen aufgegangen sind und wir ein Inferno erlebt haben. Wenn wir heute noch am Leben sind, dann weil wir selbst angepackt haben."

"Wenn sie rechtzeitig eingegriffen hätten, wäre das hier nicht abgebrannt", sagt Mehmet. "Aber sie haben nichts gemacht. Sie haben uns vernachlässigt. Das ist Fahrlässigkeit", sagt er und schleudert seine leere Zigarettenschachtel weg. Wen er mit "sie" meint, beantwortet er nicht. "Dazu sage ich nichts. Ich will nichts zur Politik sagen. Ich mache keine Politik." Seine Frau verfolgt seine Worte. Er solle ja nicht seinen Namen sagen, raunt sie ihm zu. Mehmet schaut raus auf das Meer, auf spektakuläre Fontänen eines Löschschiffs, das offensichtlich eine Übung durchführt.

Dann bricht es aus Aysun heraus: "So wie es hier aussieht - das spricht doch für sich. Statt hier vor der Küste mit einem Löschschiff eine Show abzuziehen, sollen die selber kommen und sich das mit ihren eigenen Augen anschauen." Als die Flammen noch weiter weg waren, hätten es keiner ernst genommen. "Das nächste Mal wenn sie kommen und um unsere Wählerstimmen bitten, werden die schon sehen." Aysun ist nicht die Einzige, die die Regierung offen kritisiert, aber das kann Folgen haben.

Erdogan gibt Bürgermeistern die Schuld

Vergangene Woche gingen einer Frau bei einem Besuch des Landwirtschaftsministers in einem der betroffenen Dörfer im Hinterland von Bodrum die Nerven durch. Sie habe die ganze Nacht durch selbst um Ihr Hab und Gut gekämpft, ruft sie dem Minister zu, und fragt ihn, wo denn die Löschhubschrauber gewesen seien. Die Regierung solle sich schämen und zurücktreten, rief die Frau immer wieder. Türkische Medien berichten nun, die Frau sei inzwischen festgenommen worden.

Präsident Recep Tayyip Erdogan antwortet den Vorwürfen vergangene Woche in einem Fernsehinterview: "Sie verbreiten Lügenterror", sagt er nur. Dabei bezieht er sich auch auf Vorwürfe der oppositionellen CHP. Sie stellt viele der Bürgermeister in den betroffenen Gemeinden. Die würden die Verantwortung für das schlechte Krisenmanagement tragen. Die politische Schlammschlacht in der Türkei ist eröffnet.

Opposition warnt vor Spaltung der Gesellschaft

In der Region Antalya hatte ein CHP-Politiker eine Reporterin eines regierungsnahen Fernsehsenders beschimpft, nachdem sie Interviews mit Betroffenen geführt hat. Man habe türkische "Trolle" aus Deutschland kommen lassen, um die passenden Aussagen zu bekommen, sagte der Politiker. Die Reporterin widerspricht, man erzähle keine Lügen. Sie wendet sich zur Kamera und sagt: "Der CHP-Abgeordnete aus Antalya, Rafet Zeybek, kommt hierher, um die Menschen aufzuwiegeln."

Ein Politiker nach dem anderen besucht die Krisenregionen, schaut sich die Schäden an. Viele versuchen politisches Kapital aus den Fehlern der politischen Gegner zu schlagen. Selten sind dagegen Sätze wie die von Meral Aksener, der Chefin der oppositionellen Iyi Parti: "Ich habe von Anfang an gesagt, dass wir aufpassen müssen, dass wir die Gesellschaft nicht spalten." Das gelte auch für die Regierung. Es gebe viel zu sagen über die Fahrlässigkeit und Nachlässigkeit der Regierung. "Aber ich schweige vorerst. Erst einmal müssen wir die Brände löschen, danach reden wir über deren Unfähigkeit", so Aksener.

Mehmet schaut auf ein paar Schalen von Kürbiskernen. Sein Dorf scheint schon gespalten. Während die einen gegen die Flammen gekämpft hätten, hätten die anderen auf der Mauer gesessen und Kürbiskerne gegessen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 08. August 2021 um 14:07 Uhr.