Menschen laufen vor einem Waldbrand in Bodrum weg. | AP

Waldbrände in der Türkei "Unsere Heimat brennt!"

Stand: 02.08.2021 14:43 Uhr

Die Waldbrände in den Urlaubsregionen in der Türkei weiten sich immer mehr aus. Außerdem bekommen sie zunehmend eine politische Dimension. Präsident Erdogan gerät unter Druck und wehrt sich.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

#TürkiyeYanıyor - die Türkei brennt - das ist der Hashtag zu den Waldbränden in den sozialen Medien. Das Land kennt kaum noch ein anderes Thema. Auch Ayse-Selen aus Istanbul lassen die Bilder der gigantischen Feuer nicht mehr los.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Sie sitzt im Auto auf dem Weg in die betroffene Küstenregion Marmaris im Südwesten, als sie unter Tränen erzählt: "Ich kann seit Tagen nicht schlafen, muss immer wieder weinen - wie jetzt auch. Ich habe meinen Rucksack gepackt und bin los. Diese Wälder sind Nationalgut und eine grüne Lunge für die Welt. Wir müssen alle helfen."

Die 43-jährige Köchin ist am frühen Morgen losgefahren. Vorher hat sie noch Spenden eingesammelt: "Ich habe Augentropfen dabei, ganz viel Verbandszeug und Brandsalbe und Asthma-Spray. Das ist nicht viel, aber ich weiß, dass gerade ganz ganz viel Materialspenden in die Brandgebiete gebracht werden."

Weit mehr als 100 Brandherde

Das Ausmaß der Feuer im Land ist immens. Die Türkei ist in 81 Provinzen unterteilt, über 30 sind betroffen, einige Regionen gelten als Katastrophengebiet. Und es kommen immer neue Brandherde dazu. Nach offiziellen Angaben sind es jetzt 129, gestern war noch von 111 die Rede. Die Temperaturen liegen über 40 Grad, dazu kommt starker Wind.

Immer wieder werden Dörfer evakuiert. Über die Lautsprecher der Moschee im Ort werden die Bewohner vorgewarnt. Gegebenenfalls sollen sie sich zum Hafen begeben. In den letzten Tagen wurden Menschen immer wieder auch in privaten Booten über das Meer in Sicherheit gebracht.

Auch Touristen sind betroffen

Auch Touristen sind betroffen. Ein Hotelbesitzer aus dem Urlaubsort Marmaris erzählt im türkischen Fernsehen: "In unserem Ferienressort sind schon vier Häuser abgebrannt. Unsere Hotelgäste wurden schon am ersten Tag der Brände ausquartiert. Die haben Marmaris verlassen."

Auch im Hinterland der Hotelanlagen an der Südküste in der Urlaubsregion Antalya sind dunkle Rauchschwaden zu sehen. Eine Dorfbewohnerin ist verzweifelt. Im Fernsehen schreit sie ihren Ärger heraus: "Wir wollen keine Lebensmittel- oder Kleiderspenden. Herrgott, sie sollen die Feuer löschen! Unsere Heimat brennt, die Wälder sind zerstört."

Kritik an der Regierung

Immer wieder gibt es Kritik an der Regierung, die Einsatzkräfte seien nicht ausreichend auf die Waldbrände vorbereitet gewesen. Landwirtschaftsminister Bekir Pakdemirli antwortet: "Manche Bürger beklagen, sie sähen keine Flugzeuge oder Hubschrauber im Einsatz. Unsere Löscharbeiten gehen mit 16 Löschflugzeugen, neun Drohnen, 45 Löschhubschraubern, sechs Kontrollhubschraubern, 908 Löschfahrzeugen, 120 Arbeitsmaschinen und 4800 Einsatzkräften von der Luft aus und am Boden weiter."

Die Opposition wirft der Regierung vor, über keine eigenen Löschflugzeuge zu verfügen. Tatsächlich kommt Unterstützung aus Russland, der Ukraine, Aserbaidschan, aber auch aus Spanien und Kroatien. Der Sprecher von Präsident Recep Tayyip Erdogan, Fahrettin Altun, sieht die Türkei trotzdem gut aufgestellt. Auf Twitter hält er dagegen: Vermeintliche Hilfsaktionen aus dem Ausland hätten das Ziel, das Land schwach aussehen lassen zu wollen. Die Türkei sei aber stark, schreibt er.

Brände bekommen politische Dimension

Die Waldbrände bekommen eine politische Dimension, auch bei der Frage nach der Ursache. Erdogan deutete am Wochenende nach einem Besuch in der Region Antalya auch in Richtung der verbotenen kurdischen PKK, ohne sie beim Namen zu nennen: "Wie ich in Manavgat gesehen habe, hat sich die Fläche der Brände in unserem Land verdoppelt, nachdem die Führer der Terrororganisation letztes Jahr den Befehl gegeben hatten, unsere Wälder abzubrennen. Es ist nicht auszuschließen, dass die neuen Feuer auf eine ähnliche Anweisung zurückgehen. Es ist unsere Pflicht, diejenigen zu finden, die unsere Wälder verbrennen und uns damit das Herzen ausreißen."

Die Ermittlungen auch in Richtung Brandstiftung laufen. Laut Erdogan hat die Polizei einen Verdächtigen festgenommen, Details sind nicht bekannt. Er sagte aber auch, dass in der Region Marmaris Kinder eines der Feuer ausgelöst haben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. August 2021 um 15:00 Uhr.