Lee Jae-myung | AP

Präsidentschaftswahlen in Südkorea Kandidat verspricht Haarausfall-Therapie

Stand: 17.01.2022 10:19 Uhr

In Südkorea wird bald ein neuer Präsident gewählt. Der demokratische Kandidat Lee verspricht bei einem Sieg kostenlose Behandlungen gegen Haarausfall. Das klingt nach einer Anekdote, wird in Südkorea aber ernsthaft diskutiert.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Die eine Hand hat er aufs Knie gestützt. Leicht zu seinen Zuschauern nach vorn gebeugt, sagt der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Lee Jae-myung, direkt in die Kamera: "Sie wollen für Lee stimmen, dann pflanzen Sie Lee Jae-myung" - ein Wortspiel in Anlehnung an Haartransplantationen.

Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

Der Politiker selbst hat, anders als Amtsinhaber Moon Jae-in, eher dichtes Haar: "Viele Menschen um mich herum leiden unter Haarausfall, und ich habe mich immer gefragt, warum Behandlungen nicht von der Versicherung übernommen werden. Ich dachte also, dies wäre ein gutes Thema."

Zielgruppe: Männer zwischen 20 und 30 Jahren

Eines, das sich Lee jedoch nicht selbst ausgedacht hat, sondern das Jugendkomitee seines Wahlkampfteams. Das hat offenbar in die Statistiken der Nationalen Krankenversicherung geblickt. Denn dort sieht man, dass sich 2020 vor allem Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren zum großen Teil auf eigene Kosten behandeln ließen, obwohl Haarausfall in Asien generell erst viel später beginnt.

Viele Fernsehbeiträge handeln jetzt von Haarausfall, sie zeigen lichte Männerschädel von oben oder Patienten, die sich mit der Bürste auf den Kopf hauen in der Hoffnung, dass da wieder was wächst.

Begeisterte Männerstimmen

Lee Yeon-jun, ein Mann Mitte 20, findet Lees Vorschlag super: "Wenn es weniger kostet, wird Haarausfall weniger zur Last."

Ähnlich sieht es der Koreaner Song Jae-hwan - wie er im Sender JTBC erzählt: "Die Kosten, die bei Haarverlust auf einen zukommen, sind höher, als ich dachte. Ich finde es deshalb eine gute Idee, dass er einen Lösungsvorschlag gemacht hat."

Lee Jae-myung (L), der Präsidentschaftskandidat der regierenden Demokratischen Partei, posiert mit dem ehemaligen Vorsitzenden der Partei und dem Zweitplatzierten in ihrer Vorwahl, Lee Nak-yon  | EPA

Lee Jae-myung, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten (links im Bild), erhofft sich viele Wählerstimmen durch sein Versprechen. Bild: EPA

Wenig Haare - ein Stigma in Korea

Die Tageszeitung "Korea Herald" zitiert einen Dermatologen, der die gestiegenen Behandlungszahlen vor allem auf einen höheren Stellenwert des Äußeren als auf mehr lichtes Haar zurückführt. Denn anders als in Deutschland, wo Geheimratsecken und wenig Haare bei Männern üblich sind, werden sie in Korea eher als Stigma empfunden.

In einer nicht-repräsentativen Studie, die in der internationalen Zeitschrift für Dermatologie veröffentlicht wurde, heißt es, kahlköpfige Männer würden als alt und unattraktiver wahrgenommen - und zum Teil auch als weniger potent.

Populistischer Vorschlag

Für Lee Sang-Ee, Professor an der Graduiertenschule für Medizin der Jeju National University, ist der Vorschlag des demokratischen Präsidentschaftskandidaten vor allem populistisch: "Dann müssten auch andere kosmetische Behandlungen und Hautbehandlungen bezahlt werden, und das würde doch kein Land machen."

Krankheiten, die Gesundheit beeinflussen

Auch die Sprecherin der koreanischen Medizinervereinigung, Park Su-hyeon ärgert sich über das Wahlkampfthema: "Wir müssen uns fragen, ob Haarausfall wirklich wichtig ist. Immer noch gibt es Krankheiten, deren Behandlung nicht bezahlt wird, obwohl sie einen direkten Einfluss auf unsere Gesundheit haben."

Ob populistisch oder nicht: Dem Demokraten Lee hat das "Haarausfall-Thema" auf jeden Fall Punkte und Sympathien beschert. Er hatte zumindest in dieser Frage die besseren Berater als sein konservativer Konkurrent. Dessen jüngster Vorschlag, das Ministerium für Gleichstellung abzuschaffen, ging eher nach hinten los.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 17. Januar 2022 um 08:25 Uhr.