Sicherheitskräfte patrouillieren nach einem Bombenanschlag auf einer Straße nördlich der afghanischen Hauptstadt Kabul | dpa

Nach dreitägiger Waffenruhe Wieder Kämpfe in Afghanistan

Stand: 16.05.2021 16:50 Uhr

In Afghanistan haben erneut Kämpfe zwischen den Taliban und der Armee begonnen. Seit Beginn des Abzugs internationaler Truppen kommt es zunehmend zu Gewalt im Land. Ungeachtet davon hält die Bundeswehr am Zeitplan fest.

In Afghanistan haben nach einer dreitägigen Feuerpause wieder Kämpfe zwischen den militant-islamistischen Taliban und der Armee begonnen. Die Regierungskräfte teilten mit, sie hätten ihre Offensiven und Anti-Terror-Einsätze in der Provinz Helmand im Süden des Landes wieder aufgenommen.

Es wurden Operationen im Westen der Provinzhauptstadt Laschkargah sowie in den Bezirken Nawa und Nahr-e Saradsch gestartet. "Die Kämpfe haben heute Morgen begonnen und dauern an", sagte der Chef des Provinzrats von Helmand, Attaullah Afghan, der Nachrichtenagentur AFP.

Demnach hatten Taliban-Kämpfer Sicherheitsposten in der Umgebung von Laschkargah und weiteren Bezirken attackiert. Ein Taliban-Sprecher sagte hingegen, die Angriffe seien von der afghanischen Armee ausgegangen.

Feuerpause zum Fest des Fastenbrechens

Die dreitägige Feuerpause war nach wochenlangen heftigen Kämpfen beschlossen worden und sollte den Afghanen ermöglichen, ungestört das Eid-al-Fitr-Fest zu feiern, das islamische Fest des Fastenbrechens.

Am Vortag hätten sich Unterhändler beider Seiten in Katar kurz getroffen und ihren Einsatz für eine friedliche Lösung betont, sagte Taliban-Sprecher Suhail Schahin. Außerdem hätten sie sich für eine baldige Wiederaufnahme der ins Stocken geratenen Gespräche ausgesprochen.

IS-Angriff auf Moschee

Trotz der dreitägigen Waffenruhe zwischen den Taliban und der Regierung von Donnerstag bis Samstag während der Eid-Feiertage wurden mindestens 23 Menschen getötet. Mindestens zwölf waren allein bei einem Anschlag auf eine Moschee ums Leben gekommen, den die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) inzwischen für sich reklamierte. IS-Kämpfer hätten eine Sprengvorrichtung in der Moschee platziert, hieß es in einer Erklärung, die der IS in den sozialen Medien verbreitete.

Unter den Getöteten war auch der Imam des Gebetshauses. Laut der Erklärung des IS soll dieser zum Kampf gegen Dschihadisten aufgerufen haben.

Bundeswehr hält an Abzugsplänen fest

Ungeachtet der anhaltenden schweren Kämpfe geht der Bundeswehrverband nicht davon aus, dass sich der bis Herbst geplante Abzug der deutschen Soldatinnen und Soldaten aus dem Land verzögert. "Das ist nicht möglich", sagte der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, André Wüstner, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Die USA geben den Takt vor. Die NATO hat entschieden. Daran sind wir gebunden."

Bei dem Abzug handele sich um eine "schwierige und gefährliche Situation" für die Bundeswehr, sagte Wüstner. Neben Logistik und Schutz sei die internationale Abstimmung elementar. Erschwert werde die Lage dadurch, dass sich die Politik nicht auf das Ende des Einsatzes vorbereitet habe. "Für viele Militärs war bereits Ende 2019 absehbar, dass sich dieser Einsatz schnell dem Ende nähert", sagte Wüstner.

In Deutschland habe man das lange nicht wahrhaben wollen. "Jetzt geht es schnell, das macht Übergänge schwierig", sagte Wüstner. "Die Bundeswehr war zwar vorbereitet, aber politisch wurde man mehr oder weniger kalt erwischt." Nun habe das Auswärtige Amt einiges damit zu tun, um das zivile Folge-Engagement bestmöglich international mit abzustimmen.

US-Truppenabzug bis September

Seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan am 1. Mai hat die Gewalt in dem Land stark zugenommen. Beobachter befürchten, dass der Truppenabzug Afghanistan in neues Chaos stürzen könnte.

Die Regierung des früheren US-Präsidenten Donald Trump hatte im Februar 2020 in Doha ein Abkommen mit den Taliban geschlossen, um den längsten Kriegseinsatz der US-Geschichte zu beenden. Die USA sowie die gesamte NATO begannen dann Ende April mit ihrem Truppenabzug.

Die USA haben angekündigt, ihre verbliebenen 2500 bis 3500 Soldaten bis September abzuziehen, und dringen auf schnelle Friedensgespräche. Auch die anderen NATO-Staaten wollen ihre noch etwa 7000 Mann in Afghanistan nach Hause holen. Zuletzt waren in Afghanistan auch etwa 1100 deutsche Soldaten stationiert.

Der Abzug soll bis spätestens zum 11. September abgeschlossen sein, also dem 20. Jahrestag der Terroranschläge in den USA. Die Anschläge vom 11. September 2001 hatten zur US-Invasion in Afghanistan geführt.