Lan wäscht Reisschüsseln in einem Fluss ab. | ARD-Studio Singapur
Weltspiegel

Menschenhandel Chinas gekaufte Bräute aus Vietnam

Stand: 18.09.2022 15:31 Uhr

Jahre nach dem Ende der Ein-Kind-Politik finden viele chinesische Männer keine Frau. Menschenhändler schmuggeln Mädchen aus Vietnam ins Land und verkaufen sie dort als Bräute. Nur wenige Frauen finden den Weg zurück.

Von Sandra Ratzow, ARD-Studio Singapur

Lan erinnert sich noch wie heute an den Sonntag, als ihre Mutter einfach nicht mehr vom Markt zurückkam - und verschwunden war. Ihre Mutter sei in China, hört Lan von einem Onkel. Er verspricht, der damals 14-Jährigen zu helfen.

Sandra Ratzow ARD-Studio Singapur

Lans Geschichte ist eine von vielen in den Bergen von Nordvietnam, von ihrem Dorf sind es nur wenige Kilometer bis zur Grenze nach China. "Es war schon nachts, als mich mein Onkel über die Grenze brachte", erzählt Lan. "Dort wartete eine Frau. Sie versprach, mich zu meiner Mutter zu bringen. Aber als wir auf der anderen Seite des roten Flusses waren, war meine Mutter da nicht."

Statt ihre Mutter zu treffen, wird sie als Braut an eine chinesische Familie verkauft. Illegal und ohne Trauschein soll die Teenagerin nun als Ehefrau wider Willen zu Diensten sein. Nach Monaten gelingt es ihr, in einem unbeobachteten Augenblick zu fliehen. Passanten bringen das weinende Mädchen, das kein Wort Chinesisch kann, schließlich zur Polizei.

Lan spricht nicht gern über die Einzelheiten ihrer Zeit in China: "Ich war sehr verzweifelt und einfach traurig", sagt sie. "Ich hatte alle meine Hoffnung verloren und den Willen zu leben."

Allein zwischen 2011 und 2017 wurden laut der vietnamesischen Regierung 6000 solcher Fälle von Frauenhandel registriert, die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Nur die wenigsten kommen zurück.

"Unbeschreibliche Angst"

Auch Anh wurde verkauft. Ein Freund ihres Bruders hatte ihr einen Ausflug versprochen. Dann war sie plötzlich in China und wurde chinesischen Männern und Familien als Braut angeboten. Umgerechnet rund 5000 Euro habe er für Anh bezahlt, habe ihr der aufgezwungene Schwiegervater später gesagt.

"Ich habe mich wie ein Objekt gefühlt, wie ein Produkt auf dem Markt. Ich war kein Mensch mehr",beschreibt sie ihre damalige Lage. "Männer kamen vorbei und begutachteten mich wie eine Ware, die sie auswählen. Ich hatte solche unbeschreibliche Angst."

Lan wäscht Reisschüsseln in einem Fluss ab. | ARD-Studio Singapur

Lan konnte aus China in ihr Heimatdorf in Nordvietnam flüchten. Anderen Frauen gelingt das nicht. Bild: ARD-Studio Singapur

Selbst Verwandte werden zu Menschenhändlern

Die meisten Mädchen, die als Bräute nach China verschleppt werden, kommen aus sehr armen Familien, die nur die Hälfte des vietnamesischen Durchschnittseinkommens zum Leben haben. Manchmal werden sie sogar von den eigenen Verwandten verkauft.

Auf Märkten oder in sozialen Netzwerken sprechen Gleichaltrige die junge Frauen an und locken sie unter einem Vorwand nach China - oder setzen sie unter Drogen und verschleppen sie dann.

Zwei Ursachen

Extreme Armut auf vietnamesischer Seite und großer Frauenmangel auf der chinesischen Seite: Darin sieht die Sozialarbeiterin Loan Hong Luong von der Hilfsorganisation Pacific Links die Ursachen des Frauenhandels. Von 1979 bis 2015 herrschte in China eine strenge Ein-Kind-Politik. Söhne als Stammhalter waren bevorzugt, Mädchen wurden oft abgetrieben.

"Chinesische Männer finden nun keine Frauen und suchen deshalb Vietnamesinnen, um eine Familie zu gründen", sagt Luong. "Selbst wenn sie nicht heiraten können, wollen sie eine Frau kaufen und ein Kind haben."

Regierung klärt an Schulen auf

In der Bao Yen High School Nummer 1 versammeln sich die Jungen und Mädchen der Oberstufe zu einer Aufklärungskampagne der Regierung. Fast jede kennt im Familien- oder Bekanntenkreis inzwischen verschwundene Mädchen.

Vu Thi Thuy vom Sozialministerium warnt vor den Menschenhandel. Bläut den Teenagern ein, sich nicht von Versprechen über gutbezahlte Jobs oder die Aussicht auf einen schönen, reichen Mann locken zu lassen. "Es ist grausam, was die Mädchen und Frauen zum Teil durchmachen müssen. Sie müssen nicht nur ihren Ehemännern sexuell zu Diensten sein", erklärt sie den Teenagern, "sondern manchmal noch anderen Familienmitgliedern. Wenn sie sich weigern, riskieren sie, dass man sie schlägt oder ihnen nichts zu essen gibt."

Ein Mädchen aus Nordvietnam mit einem Baby in einer Tragschlinge auf dem Rücken. | ARD-Studio Singapur

Im Norden Vietnams leben viele Angehörige ethnischer Minderheiten. Außerhalb des Dorfslebens bieten sich ihnen nicht viele Chancen. Bild: ARD-Studio Singapur

Ein Zaun und ein Memorandum

Die vietnamesisch-chinesische Grenze ist fast 1300 Kilometer lang und verläuft durch schwer zu bewachende Berglandschaften. In den vergangenen Jahren aber habe es Fortschritte gegeben, berichtet Trong Ha von der vietnamesischen Grenzpolizei.

Die Chinesen haben einen Zaun gebaut, Menschenhändler hätten es nun schwerer: "Wir haben ein Memorandum mit China unterzeichnet und bilaterale Investigativ-Teams gebildet. Es gibt eine Hotline für schnelle Kommunikation, um die Identität von Opfern und Menschenhändlern zu prüfen. In den letzten Jahren hat China sehr geholfen, viele Opfer zu retten."

Nach Schätzungen von Experten gibt es auf der anderen Seite der Grenze, in China, mindestens 30 Millionen Männer im heiratsfähigen Alter, die keine Frau finden. Erst in 20 Jahren könnte sich das Geschlechter-Ungleichgewicht wieder normalisieren.

Der Grenzübergang von Vietnam nach China in Lao Cai. | ARD-Studio Singapur

Die Grenze zwischen China und Vietnam ist lang und unübersichtlich, und Grenzübergänge stellen kein Hindernis für die Menschenhändler dar. Bild: ARD-Studio Singapur

Im Dorf wird Lan verspottet

In Lans Familie wird das Thema ihrer Verschleppung nach China vermieden. Sie haben genug damit zu tun, über die Runden zu kommen mit dem, was die Reisfelder abwerfen. Im Dorf haben viele über Lan getratscht: Als "China-Mädchen" werden Frauen wie sie beschimpft.

Die Hilfsorganisation hat ihr inzwischen eine Ausbildung zur Köchin vermittelt. Ihre Mutter ist mutmaßlich immer noch irgendwo in China. Sie hat nichts mehr von ihr gehört: "Manchmal vermisse ich sie so sehr. Immer wenn ich an zu Hause denke, denke ich an meine Mutter", klagt Lan. "Immer wenn ich müde und erschöpft bin, will ich einfach zu ihr."

Manchmal fühle sich ihr Leben taub an: Die strenge Covid-Politik Chinas hat es entführten Frauen aus Vietnam noch schwerer gemacht zurückzukehren. Doch Lan hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, ihre Mutter irgendwann wiederzusehen.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag im Weltspiegel - um 18.30 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 18. September 2022 um 18:30 Uhr.