Kohei Jinno vor dem Olympia-Stadion, dessentwegen er sein Zuhause verlassen musste.

Tokio Vertrieben wegen Olympia

Stand: 19.07.2021 14:52 Uhr

Der 87-jährige Kohei Jinno musste wegen der Olympischen Spiele in Tokio seine Wohnung verlassen. Bereits zum zweiten Mal wurde er für den Bau eines Olympia-Stadions vertrieben - ebenso wie diesmal 200 weitere Familien.

Von Julia Linn, ARD-Studio Tokio

Nur selten kommt Kohei Jinno in seine alte Nachbarschaft in Shinjuku, mitten in Tokio, zurück. Jeder Besuch ist eine emotionale Belastung für den 87-Jährigen. "Ich spüre eine große Liebe zu diesem Ort, an dem ich geboren und aufgewachsen bin", sagt er unter Tränen vor dem neuen Olympia-Stadion.

Hier hat Jinno mehr als 80 Jahre gelebt, wollte sein Zuhause eigentlich niemals verlassen. Sein Geburtshaus lag genau dort, wo heute das Nationalstadion steht - bereit für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele. Nur die Adresse ist geblieben.

Kohei Jinno vor Stadion in Japan

Kohei Jinno mit einem alten Foto von sich vor dem Stadion.

Zu viert in einer Ein-Zimmer-Wohnung

Es ist bereits das zweite Mal, dass Jinno solch eine Vertreibung erleben musste: Auch für die Sommerspiele 1964 musste seine Familie umziehen. Damals konnten sie zwar in der Gegend bleiben, mussten aber zu viert in eine Ein-Zimmer-Wohnung ziehen. Sie lebten in Armut, erzählt Jinno, aber waren dennoch stolz, so ihren Teil zum Erfolg der Olympischen Spiele beizutragen.

Jinno wurde über die Jahre zu einer Instanz in seiner Nachbarschaft. Er führte ein kleines Geschäft, in dem es alles für den täglichen Bedarf gab, von Waschmittel bis Unterwäsche, wie er sich erinnert. Nebenbei betreute er Grundschulkinder im Hort, spielte Baseball, zeichnete und bastelte mit den Schülerinnen und Schülern. Jinno hat ein fotografisches Gedächtnis, sein ganzes Leben hat er in Skizzen festgehalten.  

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Früher war die Straße ein Fluss, umgeben von einem Park – daran erinnern jetzt nur noch Jinnos Skizzen.

Früher war die Straße ein Fluss, umgeben von einem Park - daran erinnern jetzt nur noch Jinnos Skizzen.

1300 Euro Entschädigung für Olympia-Vertriebene

Dass er sein Zuhause nach 50 Jahren wieder verlassen muss, kam für Jinno überraschend. Das alte Nationalstadion wurde abgerissen, an gleicher Stelle ein neues, größeres gebaut. Eine Vorwarnung oder Ankündigung habe es nicht gegeben. Er hätte sich mehr Rücksicht von den japanischen Olympia-Organisatoren gewünscht. "Ich hätte es gerne früher gewusst. Es ist mir nicht leichtgefallen, in meinem Alter ein neues Leben aufzubauen", sagt er.

Jinno und seine Frau waren nicht die einzigen Bewohner, die für den Stadionbau 2013 vertrieben wurden. Etwa 200 Familien haben ihr Zuhause verloren. 170.000 Yen - umgerechnet etwa 1300 Euro - haben sie als Entschädigung von der japanischen Regierung erhalten. Viel zu wenig, um ein neues Zuhause zu finden, sagt Jinno. Auch vom Olympischen Komitee wünscht er sich Mitgefühl für die Menschen, die wie er Opfer der Spiele geworden sind.

Kein Groll - trotz doppeltem Schicksalsschlags

Heute lebt Jinno mit seinem Sohn und dessen Familie im Westen Tokios, elf Kilometer von seinem alten Zuhause in Shinjuku entfernt. Seine Frau ist vor drei Jahren verstorben. Jinno vermisst seine alte Heimat. In der neuen kennt er keinen, sagt er, und keiner kennt ihn.

Trotz seines eigenen Schicksals: Er wünscht sich für seine Stadt erfolgreiche Spiele und ist traurig, dass Corona die Olympia-Euphorie dämpft: "Ich möchte niemandem, der etwas mit den Oympischen Spielen zu tun hat, mit Groll begegnen, sondern mit Freude empfangen."