Bewaffnete Kämpfer der Taliban stehen vor der Abflughalle am Flughafen von Kabul. | AP

Taliban bejubeln US-Abzug Siegesfeiern, Freudenschüsse und Verzweiflung

Stand: 31.08.2021 10:19 Uhr

Die Taliban feiern den Abzug der letzten US-Flugzeuge aus Afghanistan. Für viele Menschen im Land ist die Stimmung jedoch bedrückend: Sie bleiben zurück, in Angst vor den neuen Machthabern.

Es ist Nacht in Kabul. In der Stadt sind Freudenschüsse und Siegesfeiern zu hören. Anas Hakkani postet ein Video bei Twitter. Er ist der Bruder von Siradschuddin Hakkani, der mutmaßlich verantwortlich ist für einige Anschläge mit den meisten Todesopfern der vergangenen Jahre, der zudem Vize-Chef der Taliban ist und jetzt mit an der Macht in Afghanistan.

"Wir haben wieder Geschichte geschrieben", sagt Anas Hakkani im Video. "Die 20-jährige Besatzung der Vereinigten Staaten und der NATO wurden diese Nacht beendet. Ich bin sehr glücklich. Nach 20 Jahren Dschihad und Aufopferung habe ich die Ehre, bei diesem historischen Moment dabei sein zu dürfen. Ich bete für alle Märtyrer."

Afghanistan habe nun seine volle Unabhängigkeit erlangt, erklärten die Taliban. Zwei Stunden lang sollen die Freudenfeuer mitten in der Nacht angehalten haben. In die Luft geschossen wird oft, wenn es etwas zu feiern gibt in Afghanistan: bei einer Hochzeit, nach der Geburt eines Sohnes, nach einem gewonnenen Cricket-Match - und nun zum Siegeszug der Taliban.

US-Militär lässt Flugzeuge zurück

Nachdem die letzte US-Maschine afghanischen Boden verlassen hat, geht der Journalist Nabih Bulos von der "Los Angeles Times" mit einem Spezialkommando der Taliban durch einen Hangar, in dem noch mehrere Militärhubschrauber stehen und filmt mit seinem Handy: "Wir sind mit den Taliban jetzt auf dem militärischen Teil des Flughafens, der vor wenigen Minuten noch von den USA kontrolliert wurde. Jetzt übernehmen die Taliban."

Bei ihrem Abzug ließen die US-Truppen zahlreiche Flugzeuge und gepanzerte Fahrzeuge sowie das Raketenabwehrsystem funktionsunfähig auf dem Flughafen von Kabul zurück. 27 Humvees und 70 gepanzerte MRAP-Fahrzeuge seien unbrauchbar gemacht worden, sagte der Chef des Zentralkommandos der US-Streitkräfte, General Kenneth McKenzie. Die Fahrzeuge "werden nie wieder von irgendjemandem benutzt werden".

Auch das Raketenabwehrsystem C-RAM-System, das zum Schutz des Flughafens vor Raketenangriffen eingesetzt wurde, blieb vor Ort. Das System trug unter anderem dazu bei, den Beschuss mit fünf Raketen durch die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" am Montagmorgen abzuwehren. "Wir haben uns dafür entschieden, diese Systeme bis zur letzten Minute in Betrieb zu halten, bevor das letzte US-Flugzeug abflog", sagte McKenzie. "Es ist ein komplexes und zeitintensives Verfahren, diese Systeme abzubauen. Also entmilitarisieren wir sie, damit sie nie wieder benutzt werden."

Zehntausende bleiben zurück

Die letzten US-Flugzeuge mit Soldaten des Afghanistan-Einsatzes waren kurz vor Mitternacht am Flughafen von Kabul gestartet. Allerdings wurden nach Militärangaben nicht alle US-Bürger ausgeflogen, die Afghanistan verlassen wollten. US-Außenminister Antony Blinken erklärte, es hielten sich noch weniger als 200 Amerikaner in Afghanistan auf, die das Land verlassen wollten. Die USA wollten sich weiterhin für ihre Ausreise einsetzen.

Auch zahlreiche Briten halten sich noch im Land auf. Der britische Außenminister Dominic Raab sagte dem Sender "Sky News", es handle sich um eine "niedrige dreistellige" Zahl. "Die meisten davon sind schwierige Fälle, in denen die Anspruchsberechtigung nicht klar ist, weil sie keine Papiere haben", sagte Raab. Es sei eine große Herausforderung, die Menschen aus dem Land zu bringen. Raab betonte, die Taliban hätten zugesagt, die Ausreise von Briten und afghanischen Schutzsuchenden nicht zu behindern. Die britische Regierung arbeite nun mit Afghanistans Nachbarn an einem "praktikablen Weg" für die Flucht britischer Staatsangehöriger.

Tausende Menschen hatten in den letzten Tagen noch versucht, auf das Flughafengelände zu gelangen. Videos zeigen Dutzende Koffer und andere Gepäckstücke im zivilen Teil des Flugplatzes auf dem Boden verstreut, die offenbar in dem Chaos zurückgelassen worden waren. Auch Kleidungsstücke und Schuhe waren zu sehen. Mehr als 120.000 schafften es auf die Flieger. Zehntausende Menschen aber, die für deutsche und ausländische Truppen und Organisation gearbeitet haben, bleiben zurück.

Durch die sozialen Netzwerke geht ein Video, das vor dem Flughafen aufgenommen wurde. Darin sitzen mehrere Frauen und Kinder verzweifelt in einem Bus, sie wurden nicht mitgenommen. "Lieber Präsident, bitte retten Sie uns", sagt ein kleines Mädchen. Und dann die verzweifelten Worte einer Frau auf dem Sitz davor: "Präsident Biden, retten Sie unsere Familien, retten Sie unser Leben, wir sind in Gefahr. Seit Tagen warten wir hier und niemand hat uns reingelassen. Was sollen wir tun?"

Taliban wollen "gute Diplomatische Beziehungen"

Malala, eine 20-jährige Studentin, hatte vor drei Tagen noch ein Video bei Instagram gepostet: "Lasst uns die Taliban mal für eine Minute vergessen", schreibt sie neben das Video, auf dem sie Gitarre spielt. Es ist nicht klar, ob sie im letzten Moment noch einen Flieger erreicht hat, seit zwei Tagen meldet sich Malala nicht mehr. "Musik ist im Islam verboten", hatte einer der Taliban-Sprecher vor kurzem noch im Interview mit der "New York Times" gesagt. Er hoffe, dass die Menschen sich davon überzeugen lassen, solche Dinge nicht mehr zu tun - ohne, dass die Taliban die Afghanen nun mit Nachdruck dazu zwingen müssten.

Am Tag nach dem Abzug sprechen Bewohner Kabuls von einem insgesamt ruhigen Tagesbeginn. Demnach sind die meisten Geschäfte im Stadtteil Schahr-e Nau geöffnet, haben aber kaum Kunden. Ein paar Banken hätten nach fast zwei Wochen ihre großen Filialen geöffnet. Hunderte Menschen stünden an, um Geld abzuheben. Die Taliban seien in den Straßen kaum zu sehen und bewachten lediglich bestimmte Gebäude.

Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid verkündete, Kabul bleibe ein sicherer Ort. "Die Menschen sollten sich keine Sorgen machen", sagte er dem Sender "Al-Dschasira". Die Taliban wollten nun "gute" Beziehungen mit den USA "und der ganzen Welt", betonte er bei einer Rede am Flughafen. "Wir begrüßen gute diplomatische Beziehungen mit allen." Eine diplomatische Präsenz der USA in Afghanistan gibt es allerdings nicht mehr: Laut US-Außenministerium wurden die diplomatischen Aktivitäten in die katarische Hauptstadt Doha verlegt.

Mit Informationen von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Über dieses Thema berichteten am 31. August 2021 die tagesschau um 09:00 Uhr und BR24 um 10:20 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

Avatar
fathaland slim 31.08.2021 • 12:16 Uhr

10:03, Bobinho

>>"Pakistan z.B. beherbergt mittlerweile etwa 3 Millionen aus Afghanistan geflohener Menschen und verweist aus guten Gründen und mit Recht darauf, dass die sog. reichen Industrienationen ihren Beitrag bei der Aufnahme leisten müssen." Die Regierung von Pakistan hat schon immer weggesehen wenn es um die Unterstützung für sog. "Gotteskrieger" ging. Sie haben den Bürgerkrieg in Afghanistan erheblich mitgeschürt. Vor allem der Geheimdienst ISI spielte eine unrühmliche Rolle.<< Hand in Hand mit der CIA. Operation Cyclone.