Eine Gruppe von Frauen bereitet im syrischen Idlib Lebensmittel vor, die an Arme und Bedürftige verteilt werden. | dpa

Hungerkrise in Syrien "Millionen Leben stehen auf dem Spiel"

Stand: 25.06.2021 14:54 Uhr

In Syrien herrscht die schlimmste Hungerkrise seit Beginn des Konflikts. Mehr als 12 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen. Und nun droht auch noch die Schließung eines wichtigen Versorgungsweges für Hilfsgüter.

In Syrien gibt es nach Angaben der Vereinten Nationen so wenig zu essen wie nie zuvor seit Beginn des Bürgerkriegs. Dem Welternährungsprogramm (WFP) zufolge haben 12,4 Millionen Menschen Probleme, sich zu ernähren. Das seien nahezu 60 Prozent der Bevölkerung. Damit habe sich die Zahl der Hungernden in Syrien innerhalb eines Jahres um 4,5 Millionen erhöht.

Das WFP drängte deshalb auf eine Verlängerung einer UN-Regelung, die es erlaubt, Hilfsgüter über die Türkei auch in syrische Regionen zu bringen, die nicht von der Regierung kontrolliert werden. "Millionen Leben stehen auf dem Spiel", sagte WFP-Sprecher Tomson Phiri in Genf.

Die entsprechende UN-Resolution läuft am 10. Juli aus, sofern sie nicht verlängert wird. Die UN-Vetomacht Russland, die Syriens Machthaber Baschar al-Assad stützt, hat jedoch signalisiert, dass sie die Schließung des letzten Grenzübergangs für Hilfslieferungen bevorzugt. Stattdessen möchte Moskau Hilfstransporte über die Hauptstadt Damaskus abwickeln, die von Assad kontrolliert wird.

Lebensmittelpreise um 247 Prozent gestiegen

Dem WFP zufolge hat sich die Lage zugespitzt, weil viele Menschen bereits mehrfach innerhalb Syriens fliehen mussten und jetzt kein Geld mehr für zudem deutlich teurer gewordene Lebensmittel haben. Demnach stiegen die Preise im vergangenen Jahr um 247 Prozent. Besonders dramatisch sei die Lage im Nordwesten. Dort seien 2,4 Millionen Menschen darauf angewiesen, dass Lebensmittel, Medizin und andere lebenswichtige Hilfsgüter über die nahe türkische Grenze kommen, sagte Phiri. Lieferungen aus Damaskus in oppositionelle Gebiete seien derzeit keine Alternative.

Die Hilfsorganisation Amnesty International warnte davor, dass bei einer Schließung des Übergangs mehr als eine Million Menschen von Nahrung, Wasser, Corona-Impfstoffen und lebensrettenden Medikamenten abgeschnitten werden. Das Gebiet um die Stadt Idlib ist nach mehr als zehn Jahren Bürgerkrieg das letzte große Rebellengebiet Syriens. Zuspitzen könnte sich die Ernährungslage auch im von Kurden kontrollierten Nordosten, der als "Brotkorb" des Landes gilt. Dort fällt die Ernte in diesem Jahr wegen einer Dürre schwach aus.

Hunderttausende Kriegsopfer

Seit 2011 tobt in Syrien ein vielschichtiger blutiger Konflikt. Rebellen und Terroristen eroberten weite Teile des Landes. Präsident Assad konnte mit militärischer Hilfe aus Russland und dem Iran die meisten verlorenen Regionen wiedergewinnen. Die UN bemühen sich bislang vergeblich um eine umfangreiche Friedenslösung. Millionen Menschen sind auf der Flucht, Hunderttausende starben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Februar 2021 um 06:50 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".